Die elf Mitarbeiter sind um die 30 Jahre alt und schmücken ihre Büros mit Open-Source-Postern: Der vierte Stock des Bürohauses in der Münchner Herzog-Wilhelm-Straße wirkt mehr wie ein Uni-Institut als eine städtische Behörde. Hier entwickelt das Kernteam des Limux-Projekts [1] den Linux-Client für die Arbeitsplätze der Stadt München.
Abbildung 1: Pinguin im vierten Stock: Im März 2005 bezog Limux, das Linux-Projekt der Stadt München, eigene Räume.
Die Entscheidung der bayerischen Landeshauptstadt, 14000 Arbeitsplatzrechner auf das freie Betriebssystem umzustellen, hat viel Aufsehen erregt. Über den Stand des Projekts gab es zeitweilig nur Gerüchte, zuletzt prangerte das Nachrichtenmagazin "Focus" die Verspätung unter der Schlagzeile "Lahmer Pinguin" an. "Im Moment liegen wir vier bis fünf Monate hinter dem ursprünglichen Zeitplan", zitierte das Magazin die SPD-Stadträtin Christine Strobl.
Der stellvertretende Limux-Projektleiter Manfred Lubig-Konzett (Abbildung 4) räumt auch gegenüber dem Linux-Magazin ein, dass die Umstellung derzeit rund ein halbes Jahr hinter dem Terminplan zurückliegt. Für ihn ist aber der langfristige Erfolg wichtiger als der Termin: "Wir können es uns nicht erlauben, einen schlechten Client zu präsentieren. Der Anzug muss von Anfang an passen." Als Motto der Migration nennt er: Qualität vor Zeit.
Er macht zahlreiche Faktoren für den Verzug verantwortlich: Im August 2004 verursachte eine Stadtratsanfrage der Grünen zu Risiken durch die Softwarepatente ein kurzes Innehalten [2]. Die Stadt gab bei der Münchner Anwaltskanzlei Frohwitter ein Rechtsgutachten in Auftrag. Im September 2004 bescheinigten die Juristen für den Einsatz von Linux und Open Source keine größere Rechtsunsicherheit als für proprietäre Software [3].
Auch die Ausschreibung für Support- und Pflegeleistungen für den städtischen Basisclient hat viel Zeit in Anspruch genommen. Diese Leistung sei schwer zu beschreiben, zudem sei München die erste Stadt, die so etwas ausgeschrieben habe: "Wir mussten eine nachvollziehbare Entscheidung produzieren", kommentiert Lubig-Konzett die vielen Anforderungen aus dem Vergaberecht.
Die Landeshauptstadt ging daher in zwei Schritten vor: In einem Bieterverfahren im Herbst 2004 bewarben sich 33 Anbieter aller Größenklassen mit ihren Kompetenzen und Leistungen. Im Winter 2004/2005 trat die Stadt mit sechs im ersten Schritt ausgewählten Anbietern in ein Verhandlungsverfahren ein, das Lubig-Konzett so beschreibt: "Man muss nicht vorher sieben Pfund Pflichtenheft auf den Tisch legen und dann nach dem billigsten Preis gehen. Man kann tatsächlich über mehrere Runden mit den Anbietern verhandeln."
Verhandlungssache
Im Verhandlungsverfahren mussten sich die Anbieter mit der umfangreichen Kriterienliste der Stadt beschäftigen. Die größte Bedeutung maßen die Münchner dabei den Bereichen Serveranbindung, Office sowie Support und Wartung bei. Nach zwei Runden ging der Zuschlag am 14. April 2005 an die Bietergemeinschaft aus zwei mittelständischen Firmen, der Münchner Softcon IT-Service GmbH und der Gonicus GmbH mit Hauptsitz in Arnsberg bei Dortmund.
Abbildung 2: Eine klare Position gegen Software-patente: Community-Flair in der Amtsstube.
Im Verhandlungsverfahren kristallisierte sich noch etwas anderes heraus: Die Stadt München benötigt eine auf ihre Bedürfnisse maßgeschneiderte Distribution und außerdem ein zuverlässiges Support- und Pflegekonzept. Das war mit den Standard-Distributionen großer Hersteller nicht machbar. Nun erweitert das Limux-Team ein Debian-Basissystem um die benötigten Pakete (Upsizing), statt eine Enterprise-Distribution von der Stange gesundzuschrumpfen (Downsizing): "Wir stecken jetzt mehr Arbeit rein, um das Ziel Herstellerunabängigkeit besser zu erreichen. Wir wollen viel automatisieren und später Zeit sparen", erklärt Lubig-Konzett.
Die Stadt macht viel selbst und hat dafür seit November 2004 aus rund 500 Bewerbern sechs Mitarbeiter mit Linux-Know-how neu angestellt. Insgesamt elf Personen bilden das Limux-Team - die restlichen fünf wechselten von anderen städtischen Stellen. Zwei Projektmitarbeiter des Dienstleisters Gonicus verstärken das Projekt. Im März 2005 bezog die Mannschaft eigene Räume, am 21. April erfolgte intern der offizielle Kick-off. "Seither nimmt das Projekt Fahrt auf", so Florian Schießl, stellvertretender Leiter des Teilprojekts Linux-Client.
Abbildung 3: Das Testlabor in der Münchner Herzog-Wilhelm-Straße: Hier entwickelt das Team den Münchner Linux-Client auf Basis von Debian.
Abbildung 4: Manfred Lubig-Konzett, stellvertretender Limux-Projektleiter: "Wir wollen viel automatisieren und später Zeit sparen."
Premiere auf der Systems
Auf der Systems im Oktober 2005 möchte das Projekt die erste Version des Prototyps vorstellen. Lubig-Konzett ist sich der Erwartungen der Öffentlichkeit bewusst: "Wir müssen etwas zeigen. Und diese Gelegenheit werden wir nutzen." München setzt auf Debian Sarge, um nicht auf das Know-how eines einzelnen kommerziellen Distributors angewiesen zu sein. Als Desktop-Umgebung kommt KDE zum Einsatz, als Büroanwendung Open Office 2. Das Team setzt seit einem halben Jahr aktuelle Milestone-Builds der freien Office-Suite ein und ist zufrieden. Außerdem rechnen die Münchner Linuxer damit, dass die stabile Version 2.0 noch im Herbst fertig wird.
Auf den Prototyp wird laut Lubig-Konzett ab Januar 2006 die Pilotierung folgen: "Nicht auf der grünen Wiese, nicht im Labor. Effektive Arbeitsplätze werden mit Linux arbeiten. Dazu brauchen sie eine funktionierende Infrastruktur, die qualitätsgesichert sein muss." Im April 2006 soll die endgültige Umsetzung starten. Die ersten Migrationskadidaten sind das Kulturreferat und das Büro des Oberbürgermeisters Ude. Diese Abteilungen bieten sich wegen ihrer "geringen ,Verseuchung’ mit Office-Makros und Fachanwendungen" an.
Bei der Umstellung der rund 170 Fachverfahren in der Stadtverwaltung setzt die Stadt vor allem auf Web-basierte Verfahren. Das hat jedoch nicht ausschließlich mit der Linux-Migration zu tun, sondern geht auf eine Grundsatzentscheidung des Stadtrats zur IT-Strategie aus dem Jahr 2003 zurück. Webanwendungen kommen jedoch nicht für jeden Einsatzzweck in Frage: An Arbeitsplätzen mit viel Publikumsverkehr muss es schnell gehen. Hier sind Ladezeiten bei jedem Arbeitsschritt für die Mitarbeiter nicht zumutbar.