Open Source im professionellen Einsatz

IDABC@Linuxtag: EU-Beamte in Karlsruhe

Renegatentreffen im Badischen

Ausgerechnet bei der EU-Kommission, Quelle der vom EU-Parlament abgelehnten Softwarepatent-Richtlinie, gibt es ein Grüppchen Beamte, das sich seit einigen Jahren Open Source auf die Fahnen geschrieben hat. Es traf sich zum Linuxtag in Karlsruhe.

Der Linuxtag avanciert zum Mutterschiff selbstständiger kleiner Unterveranstaltungen. In diesem Jahr fand dort neben der eigenwillig mit FUDCon betitelten Fedora-Entwicklerkonferenz und der Oscom zu Kontentmanagement-Systemen auch die Tagung IDABC@Linuxtag statt. Eingefleischte Linuxer werden Schwierigkeiten haben das Akronym aufzulösen, denn hier trafen sich nicht Entwickler, sondern EU-Beamte - direkt neben der Kongresshalle im Dorint-Hotel.

IDABC ist eine jener typischen EU-Abkürzungen, bei denen nicht einmal die dort Beschäftigten auf Anhieb den kompletten Namen hersagen können: Interoperable Delivery of European E-Government Services to Public Administrations, Businesses and Citizens [1]. Diese Unit, bei einem deutschen Ministerium entspräche das einem Referat, ist im Kommissariat für Industrie und Unternehmen angesiedelt. Sie ist also eine Abteilung just dieser Europäischen Kommission, die mit ihren Vorschlägen zur Softwarepatentierung die Mehrheit der Open-Source-Entwickler gegen sich aufgebracht hat.

Dennoch tagt die IDABC aus gutem Grund parallel und quasi mit Familienanschluss zum Linuxtag, denn freie Software ist zumindest in diesem mit rund 20 Mitarbeitern sehr kleinen Bereich der Kommission ein Alltagsthema.

Offene Standards undfreie Software

Die Aufgabe der IDABC ist nicht besonders trennscharf definiert. In einem Interview der Beamtenpostille "Behördenspiegel" mit EU-Kommisar Günter Verheugen heißt es, die IDABC sei als "zentrales Steuerungsinstrument geschaffen, um die Pan-Europäische Ebene des E-Government so planvoll aufzubauen, dass dessen nationale und europäische Einzelkomponenten reibungslos und kostensparend zusammenarbeiten können. IDABC hat die Aufgabe, den Grundriss für das europäische E-Government zu entwerfen". Im engeren Sinne geht es da um Standards für Dokumentenformate, um Interoperabilität. Gute Chancen scheint hier der auch in Deutschland von vielen favorisierte Open-Document-Standard des Industrie-Konsortiums Oasis zu haben [6].

Daneben befasst sich die IDABC aber auch mit etwas handfesteren Dingen und lässt beispielsweise seit Mitte der 90er Jahre das Behördennetz Testa [2] weiterentwickeln. Das ist ein vom Internet getrenntes TCP/IP-Netz, das Behörden innerhalb Europas miteinander verbindet. In Deutschland haben die Bundesländer die Verfügungsgewalt über diese Infrastruktur. In einigen Staaten Europas läuft Testa über VPN und Internet, in Deutschland stehen eigene Leitungen zur Verfügung. Testa bildet seit Jahren den größten Posten im IDABC-Budget, das insgesamt für EU-Verhältnisse äußerst bescheidene 25 Millionen Euro jährlich umfasst.

Eine mehr im Lizenzen-Zoo

Wenig Ressourcen braucht auch ein anderes Projekt, dessen Auswirkungen auf die Open-Source-Welt möglicherweise beträchtlich sein können. Die EU-Kommision entwickelt eine eigene Open-Source-Lizenz, die European Union Public Licence (EUPL, [3]).

Auf dem Linuxtag wurde deren Text - als Entwurf - zum ersten Mal vorgestellt. Die EU-Bürokratie tut sich schwer mit der GPL und anderen freien Lizenzen, wenn sie im Auftrag Software entwickeln lässt: Es ist von Problemen bei der Übertragung ins europäische Rechtssystem die Rede, von sprachlichen Unklarheiten und so weiter. Wie man hinter vorgehaltener Hand hört, ist der eigentliche Grund schlicht die Tatsache, dass es keine EU-eigenen Lizenzen sind. In der Open-Soure-Community fiel das Echo zurückhaltend aus, angesichts des ohnehin bestehenden Lizenzen-Zoos auch nicht verwunderlich.

Könnte es aber gelingen, die Lizenz EU-weit durchzusetzen und auch nationale, regionale und kommunale Organisationen dafür zu begeistern, würde das der Verbreitung von freier Verwaltungssoftware sicherlich einen guten Dienst erweisen. Testfall ist das Projekt Circa, ein im Auftrag der EU entwickeltes Dokumentenmanagement- und Groupware- System [4], das möglicherweise unter diese Lizenz gestellt wird.

Die EUPL ist wie die GPL eine strenge Copyleft-Lizenz, das heißt, dass abgeleiteter Code wieder frei sein muss. Eine kurze Analyse findet sich auf den Ifross-Webseiten [5]. Entscheidend dürfte sein, dass die FSF die Lizenz als kompatibel zur GPL anerkennt.

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