Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 08/2005

Open Source Jahrbuch 2005

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Mit der zweiten Ausgabe des Jahrbuchs "Open Source" rekapitulieren die Herausgeber wieder einmal, welche herausragenden Entwicklungen und Themen im vergangenen Jahr die Community - mehr und mehr auch den Rest der Gesellschaft - bewegt haben.

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Bereits zum zweiten Mal hat das Team um Professor Bernd Lutterbeck von der Technischen Universität Berlin ein Jahrbuch zum Thema Open Source zusammengestellt. Das Ergebnis liegt als Sammelband mit mehr als 30 Aufsätzen vor, die sich in sieben Kapiteln mit den unterschiedlichen Aspekten freier Software und dem Konzept Open Source im Allgemeinen beschäftigen.

Bestandsaufnahme

Sechs Erfahrungsberichte zum Einsatz von Open-Source-Software verdeutlichen ihre praktische Bedeutung und Möglichkeiten. Die Beispiele stammen hauptsächlich aus der öffentlichen Verwaltung. Zu den prominentesten Fallbeispielen zählen die Linux-Migration der Stadt Schwäbisch-Hall, beschrieben aus der Sicht der IT-Leiters Horst Bräuner, sowie die Umstellung der so genannten Birthler-Behörde für die Stasi-Unterlagen auf Linux/Netware.

Aus dem Bereich der Wirtschaft steuert das Projekt Genomatch beim Pharmakonzern Schering einen Beitrag bei. Hier kommt freie Software auf Thin Clients zum Einsatz, um die Anonymität von Probanden in der genetischen Forschung zu gewährleisten.

Bei der Bestandsaufnahme fehlt jedoch ein Vorhaben, das Linux zu großer Präsens in der Öffentlichkeit verholfen hat: die Linux-Migration der Arbeitsplatzrechner in der Münchner Stadtverwaltung. Das mag daran liegen, dass dieses Projekt noch in vollem Gange ist. Immerhin beschäftigt sich das Kapitel über Recht und Politik mit dem Rechtsgutachten der Stadt zu den juristischen Risiken beim Einsatz von Open-Source-Software. Linux in München sollte aber ein Thema für kommende Ausgaben des Jahrbuchs sein, wenn die Herausgeber den Einsatz freier Software in Deutschland repräsentativ darstellen möchten.

Zu den interessantesten Beiträgen im Technik-Kapitel gehört der Aufsatz von Andreas Bauer und Markus Pizka. Sie zeigen, was die Open-Source-Gemeinde mit ihrer Arbeitsweise zu Software-Entwicklungsmodellen beiträgt. Ihrer Ansicht nach entsteht freie Software nicht in einem "chaotischen Prozess von Freizeit-Hackern". Daher beklagen sie auch, dass gerade Eric. S. Raymonds "The Cathedral and the Bazaar" viel zur Festigung dieses Vorurteils beigetragen habe. Beweise für gegenteiliges Vorgehen entnehmen sie dem GCC-Projekt, an dem Bauer mitarbeitet.

Auf dem Arbeitsmarkt

Der Volkswirt Maik Hetmank, der im Themenkomplex Ökonomie die Motivation von Open-Source-Entwicklern untersucht, kommt zu einem spannenden Befund: Er belegt, dass sich die Mitarbeit an einem bekannten Projekt für erfahrene Programmierer auszahlt, weil es ihre Kompetenz signalisiert und ihnen so auf dem Arbeitsmarkt zu Erfolg verhilft. Bemerkenswert ist außerdem, dass die Herausgeber Jason Matusow und Walter Seemayer von Microsoft Gelegenheit geben, das Shared-Source-Programm des Softwarekonzerns vorzustellen.

Das Jahrbuch dokumentiert wichtige Themen des vergangenen Jahres: So beschäftigt sich das Recht-Kapitel unter anderem mit der Diskussion um Softwarepatente in der Europäischen Union. Daneben begründet der Rechtsanwalt Thomas Ebinger, warum das Netfilter-Projekt die GPL vor Gericht durchsetzen konnte. Zu den Trends, die Eingang in den Sammelband gefunden haben, gehören auch Open Content, verkörpert durch die Wikipedia, sowie das Konzept Open Innovation, das vor allem beim wissenschaftlichen Publizieren an Bedeutung gewinnt.

Die "Gratwanderung zwischen Praxisrelevanz und dem akademischen Anspruch", die sich die Herausgeber im Vorwort zum Programm machen, gelingt ihnen nur teilweise. Das "Open Source Jahrbuch 2005" kommt, wie sein Vorgänger, eher als akademische Aufsatzsammlung daher. Das tut seinem Nutzen jedoch keinen Abbruch, da es weit über eine Bestandsaufnahme hinausgeht. Die vielfältigen Themen und Standpunkte liefern Anregungen und Diskussionsanstöße für alle, die sich beruflich oder privat mit freier Software beschäftigen.

Außerdem setzt das Buch das Konzept Open Source in die Tat um: Alle Beiträge stehen unter freien Lizenzen, eine PDF-Version liegt auf der Seite [http://www.opensourcejahrbuch.de/2005/download.html] zum Download bereit. In der akademischen Tradition steht dagegen die Studentenermäßigung von drei Euro für die gedruckte Version des Buches. (agr)

Info


B. Lutterbeck, R. A. Gehring, M. Bärwolff:

Open Source Jahrbuch 2005

Lehmanns Media, Berlintop, 2005

508 Seiten, 19,90 Euro

ISBN 3-86541-059-6

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