Was bei anderen Distributionen undenkbar wäre, hat dieses Projekt wahr gemacht: Genau 35 Monate mussten die Benutzer von Debian GNU/Linux [1] auf eine neue Ausgabe ihres Betriebssystems warten. Nun ist es doch noch vollbracht und Version 3.1 alias Sarge löst den Vorgänger Woody ab.
Was gibt's Neues?
Sarge wartet mit einer Vielzahl bedeutender Änderungen auf. Die zweifellos wichtigste davon bemerken Nutzer, die lediglich den Vorgänger aktualisieren, gar nicht: die neue Installationsroutine. Schon die Vorgängerversion Woody wollten einige mit Hilfe eines anderen Systems als den veralteten Boot-Floppies auf die Festplatten bringen. Das klappte aus Zeitgründen nicht und Debian 3.0 musste sich mit einer neu zusammengeschusterten Boot-Floppies-Version begnügen. Erst die neue Release ersetzt sie endlich durch eine neue Routine.
Mit dem Installer hat Debian Sarge nun ein leicht erweiterbares Installationsprogramm, das durch seine modulare Struktur vieles erleichtert. Zunächst startet im Arbeitsspeicher ein kleines Linux-System, in dem er die für die Basiseinrichtung erforderlichen Pakete installiert.
Eine spezielle Version des Paket-Managers DPKG verarbeitet die Installer-Pakete mit der Endung ».udeb«. Damit können andere auf Debian basierende Distributionen den Installer als Grundlage verwenden und mit eigenen Udebs füttern. Ein grafisches Interface für die Installation bietet auch der neue Debian-Installer nicht, die Tastatur bleibt die einzige Eingabemöglichkeit. Das modulare Konzept vereinfacht es aber, mit entsprechenden Udeb-Pakete eine X11-Oberfläche nachzuliefern.
In Fragen der Aktualität der Software bewegte sich Debian Woody schon lange jenseits von Gut und Böse, vor allem, aber keineswegs nur, den Desktop betreffend. Deshalb macht Sarge hier in manchen Bereichen beachtliche Sprünge nach vorne. Die GNU Compiler Collection allerdings stellten die Sarge-Entwickler schon wenige Monate nach der Woody-Release von Version 2.95 auf 3.3 um. Dabei bleibt es auch in der endgültigen Fassung; um die Vorzüge von GCC 3.4 oder 4.0 zu genießen, müssen die Benutzer manuell nachrüsten.
Auch in anderen Bereichen stehen den Sarge-Anwendern nicht die neuesten Programme zur Verfügung. Unter den beiden großen Desktop-Umgebungen finden sie KDE in Version 3.3 vor (siehe Abbildung 1), von Gnome liegt Ausgabe 2.8 bei. Auf X.org müssen Debian-Benutzer weiterhin verzichten, stattdessen bleibt XFree86 im Einsatz. Außerdem gibt es OpenSSH 3.8.1, MySQL 4.0.24 und den Webserver Apache in der aktuellen Fassung 2.0.54.
Besser und mehr
Andere Programmpakete ziehen mit Debian Sarge erstmals in die Distribution ein. Hier fällt besonders die freie Office-Suite Open Office auf. Insgesamt umfasst die neue Release über 10000 Pakete, die zusammen 14 CD-ROMs oder zwei DVDs beanspruchen. Woody begnügte sich für seine etwa 8500 Pakete noch mit sieben CDs. Dieses Wachstum bereitet jetzt einigen Mirror-Servern allerdings Probleme. Viele, die die Vorgängerversion noch komplett und für alle elf unterstützten Rechnerarchitekturen spiegelten, mussten beim Nachfolger eine Auswahl treffen. Hier liegt ein Grund dafür, dass für Sarge keine neuen Architekturen vorgesehen sind.
Im Entwicklungsprozess tauchte, während die Entwickler dabei waren, ein Problem zu lösen, häufig schon wieder ein neues auf. Dieser Teufelskreis begann mit dem Sorgenkind Debian-Installer: Wie erwähnt sollte er bereits Teil von Woody werden, bestand zu dieser Zeit aber aus wenig mehr als einem Konzept und einer kleinen Code-Basis. Während der Sarge-Entwicklung weitete er sich zur Großbaustelle aus. Am Ende arbeitete Joey Hess hauptberuflich am Debian-Installer und letztlich ist es wohl ihm zu verdanken, dass das Programm überhaupt den veröffentlichungsfähigen Status erreichte.
Auch ein anderes Großprojekt dauerte wesentlich länger als erhofft: die Umstellung der GNU Compiler Collection auf Version 3.3. Als der Abschluss des Installers und der GCC-Migration endlich in greifbare Nähe gerückt waren, gab sich der damalige Release-Manager Anthony Towns optimistisch und verkündete, man könne Sarge im Dezember 2003 veröffentlichen.