Abbildung 1: Das Nokia 770 Internet Tablet, hier das erste Bild des Prototyps, verfügt über ein hochauflösendes Display mit 800x480 Pixeln. Die Größe entspricht etwa der herkömmlicher PDAs wie des Ipaq von Compaq.
Größer hätte die Überraschung kaum sein können: Der Handy-Hersteller, Symbian-Lizenznehmer und Softwarepatent-Befürworter Nokia präsentierte am 25. Mai in New York einen Taschencomputer, der komplett unter Linux läuft.
Das Nokia 770 Internet Tablet (Abbildung 1) hat die übliche PDA-Größe. Anders als andere Linux-PDAs wie Compaq Ipaq, Sharp Zaurus 5000 oder Yopy ist das Nokia-Gerät für die Bedienung im Querformat ausgelegt. Damit die rechte Hand für den Stift des Touchscreen frei bleibt, hat der Hersteller die drei Funktionstasten sowie das Cursor-Kreuz auf der linken Geräteseite (Abbildung 2) untergebracht. Die Tasten am linken oberen Gehäuserand arbeiten als Einschalter, Wippe für diverse Scroll- und Einstellfunktionen und Umschalter in den Vollbild-Modus.
Abbildung 2: Das Nokia 770 ist für die Benutzung im Querformat ausgelegt. Die Funktionstasten hat der Hersteller für Rechtshänder günstig an der linken Geräteseite untergebracht. So bleibt die rechte Hand für den Stift frei.
Hochauflösendes Display
Das TFT-Display mit Touchscreen arbeitet mit einem 16-Bit-Farbraum, erreicht 800 mal 480 Pixel bei sagenhaften 225 DPI und ist sehr kontrastreich. Unter der Haube arbeitet ein ARM-Prozessor OMAP 1710 von Texas Instruments, der einen digitalen Signalprozessor (DSP) enthält. Die Speicherausstattung ist mit 64 MByte RAM und 128 MByte Flash ordentlich. Obwohl das Tablet von einem der größten Handyhersteller der Welt gebaut wird, gibt es kein GSM-, GPRS- oder UMTS-Modem, die Kommunikation übernehmen Bluetooth und WLAN.
Über den Mini-MMC-Slot auf der Unterseite lässt sich das Nokia 770 mit zusätzlichem Flashspeicher bestücken, für den Kopfhörer gibt es eine 3,5-mm-Klinkenbuchse. Die Stromversorgung übernimmt ein handelsüblicher Lithium-Ionen-Akku eines Nokia-Handys, die Ersatzbeschaffung ist also kein Problem.
Für den Transport liefert Nokia ein Hardcover, das sich im Betrieb einfach auf die Rückseite umstecken lässt. Zusammen mit Akku, Ladegerät und Bedienstift für den Touchscreen soll das Gerät ab Herbst für weniger als 500 Euro in den Handel kommen.
Freie Software aufgebohrt
Das Nokia 770 ist momentan mehr als Entwicklungsplattform denn als fertiges Produkt für Endkunden zu verstehen, auch wenn die vorinstallierten Programme bereits gut funktionieren. Für eigene Entwicklungen gibt es die freie Maemo Development Platform [1] von Nokia.
Das Tablet arbeitet mit einem Kernel 2.6 sowie dem X11-Server K-Drive, wobei das Maemo-System von der konkreten Kernelversion unabhängig ist. Die grafische Oberfläche Hildon hat Nokia mit Hilfe vieler externer Entwickler (siehe unten) entworfen und implementiert. Dabei kamen bekannte Technologien wie X11, GTK+ (Version 2), D-Bus, G-Streamer, SDL und der Matchbox Window Manager zum Einsatz. Die Entwickler achteten darauf, so weit wie möglich zu Gnome kompatibel zu bleiben, um die spätere Entwicklung der Anwendungsprogramme zu vereinfachen.
Dennoch haben sie mit Rücksicht auf die speziellen Einschränkungen und Anforderungen des Nokia 770 erhebliche Teile komplett neu oder in angepasster Form implementiert. Das Maemo/Hildon-System verzahnt dabei die Applikationen deutlich stärker mit der Oberfläche und den Systemkomponenten, als dies etwa bei GPE [2] der Fall ist. Dazu erweiterten die Nokia-Entwickler einige GUI-Objekte und Systembibliotheken erheblich.
Auch bei den Widgets gibt es Neuerungen, um die grafische Oberfläche besser per Touchscreen bedienen zu können. Bekommt zum Beispiel ein Input-Widget für die Texteingabe den Fokus, blendet die Oberfläche automatisch die entsprechende Input-Methode ein - also wahlweise die virtuelle Tastatur oder die Handschrifterkennung (siehe Abbildung 3).
Abbildung 3: Durch die Verzahnung der GTK-Widgets mit grundlegenden Systemfunktionen erreicht Nokia, dass zum Beispiel die virtuelle Tastatur keinesfalls die Eingabezeile verdeckt.
Mehr Bedienkomfort schafft die Verknüpfung diverser Systemdienste. So erscheint automatisch der Connection-Manager, falls eine Applikation auf das Internet zugreift und noch keine Verbindung besteht. Der Connection-Manager bietet dann je nach Konfiguration eine WLAN-, eine Bluetooth-PAN- (Private Area Network) oder eine Bluetooth-DUN-Verbindung (Dial-up Network) an.