Abbildung 1: Bei blinden Computerbenutzern ersetzt die Braillezeile den Monitor.
Thomas Höllriegel ist begeisterter Computerbenutzer. Er verwendet seit acht Jahren Linux und betreibt seinen eigenen Web- und Mailserver[1] unter OpenBSD. Für einen Computerbildschirm hat der junge Mann aus München allerdings keine Verwendung. Er ist einer von 155000 blinden Menschen in Deutschland und ertastet die Ausgaben des Rechners auf einer Braillezeile.
Punkte für Linux
Unter Linux gibt es im Grunde zwei Arten eine Braillezeile zu betreiben. Der Daemon BRLTTY[2] funktioniert mit zahlreichen dieser Geräte und gibt die Zeile aus, in der sich der Systemcursor befindet. Durch Bewegen dieses Cursors mit den Pfeiltasten der PC-Tastatur oder einer Taste am Braillegerät erschließt sich der Benutzer längere Texte. Mehr Komfort bietet Suse Blinux[3], das auch Thomas Höllriegel verwendet. Dieser Daemon treibt nicht nur die Hardware, sondern dient auch als so genannter Screenreader. Dabei handelt es sich um ein Programm, das die Ausgabe des Rechners, die in der Regel für eine Grafikkarte bestimmt ist, interpretiert und für andere Ausgabearten zur Verfügung stellt, meist Braille oder einen Sprachsynthesizer.
Ein Screenreader kennt nicht nur den Systemcursor, sondern ermittelt auch andere wichtige Bereiche des Bildschirms, beispielsweise Menüs und Auswahllisten in Screen-orientierten Programmen wie Mutt oder Midnight Commander. Dazu sucht das Programm nach Texten, die durch Farbe oder inverse Darstellung hervorgehoben sind.
Auf diese Elemente setzt der Reader den Softcursor, der Benutzer schaltet mit den Funktionstasten der Braillezeile zwischen den beiden Cursorarten um. Das bedeutet einen erheblichen Gewinn an Komfort und Arbeitsgeschwindigkeit und erweitert die Anzahl der zugänglichen Programme.
Marco Skambraks entwickelte den Vorläufer von Suse Blinux Ende der 90er Jahre in seiner Freizeit. Das Programm hieß Lindots und baute auf einer früheren Version von BRLTTY auf. Damals war Skambraks Mitarbeiter des Braillezeilen-Herstellers Papenmeier und die Steuerung der Zeilen wurde gerade von proprietären Schnittstellenkarten auf eine Softwarelösung umgestellt
Seit 1999 ist der blinde Entwickler bei Suse angestellt und pflegt sein GPL-Programm im Rahmen der Nürnberger Linux-Distribution fort, mittlerweile als Produktmanager. Seit Suse Linux 7.0 ist es in der Standarddistribution enthalten, die bereits bei der Installation angeschlossene Braillegeräte erkennt. An zwei Tagen der Woche steht ein spezieller Telefonsupport für blinde Benutzer zur Verfügung, für den auch Thomas Höllriegel arbeitet.
Anwendungsprofile
Suse Blinux kennt für zahlreiche Applikationen ein eigenes Profil, das die Ausgaben einer Anwendung sinnvoll in einem Softcursor bereitstellt. Anhand des Prozesses, der auf dem aktuellen Terminal im Vordergrund läuft, ermittelt der Screenreader das geeignete Profil und schaltet automatisch um. Im Gegensatz zu BRLTTY unterstützt Suse Blinux mehrere virtuelle Konsolen und erlaubt es, die Belegung der Funktionstasten eines Braillegeräts über eine Konfigurationsdatei einzustellen.
Brailleschrift setzen Personen ein, die von Geburt an blind oder früh erblindet sind. Eine Benutzergruppe mit anderen Bedürfnissen sind die Sehbehinderten. In Deutschland leben rund eine halbe Million hochgradig sehbehinderte Menschen. Sehbehinderungen treten in den unterschiedlichsten Formen auf. Sie beeinträchtigen die Wahrnehmung von Farben oder die Sehschärfe oder schränken das Gesichtsfeld stark ein.
Abbildung 2: Sehbehinderte arbeiten oft mit starker Vergrößerung.