Open Source im professionellen Einsatz

Die monatliche GNU-Kolumne

Brave GNU World

Diese Kolumne berichtet aus der Perspektive des GNU-Projekts und der FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse aus dem Umfeld freier Software. In dieser Ausgabe: Südamerika - politische Perspektiven, Telecentros, Brasilien als Lehrmeister, Terminologie-Diskussion.

Die Gesellschaft in Südamerika scheint sich der Freiheit und der Hintergründe freier Software deutlich bewusster zu sein als wir Europäer. Sie drückt dies auch in ihrer Sprachwahl aus, so prägen "Software Libre" (Spanisch) und "Software Livre" (Portugiesisch) den Sprachgebrauch - der Begriff Open Source kommt so gut wie gar nicht vor.

Politische Perspektiven

Drei Wochen lang war ich auf Tour durch Südamerika[5], um mir einen Eindruck über die Freie-Software-Community vor Ort zu verschaffen und um die Erfahrungen mit der FSF Europe für die Planung einer FSF Lateinamerika nutzbar zu machen. Stationen waren Argentinien, Uruguay und Brasilien.

Ob die Offenheit gegenüber freier Software auf den politischen Alltag zurückzuführen ist, lässt sich nur schwer einschätzen. Auffällig ist, dass die Politiker in Lateinamerika sich, unabhängig von technischen Vorteilen, vor allem Standortvorteile von freier Software versprechen, sowohl für die Wirtschaft als auch für politische Stärke.

In der Hauptstadt Brasilia hatte ich Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem Executive Secretary des brasilianischen MinistŽrio de Comunica›es (Kommunikationsministerium). Er betonte, dass selbst die Sicherheit eher eine Nebenrolle bei der Entscheidung für freie Software spiele. Für ihn sind nachhaltiger Aufbau der Volkswirtschaft, Verbreitung von Wissen und digitale Chancengleichheit viel wichtiger.

Eine ähnliche positive Einstellung bot sich mir auch bei Vorträgen in Cordoba und in La Plata, Argentinien, sowie im Nationalkongress von Uruguay in Montevideo. Die Anlässe all dieser Vorträge waren Gesetzentwürfe zur Stärkung eines Marktes für freie Software. In Brasilien nehmen sogar Regierungspolitiker aktiv an der Community teil.

Das Instituto Nacional de Tecnologia da Informa‹o (nationales IT-Institut, ITI), eine direkt dem Präsidenten unterstellte Einrichtung, setzt freie Software auf allen Desktops ein. Die Mitarbeiter stammen teilweise sogar aus der Community. So auch der Direktor des ITI, Sergio Amadeu da Silveira, ein regelmäßiger Gast auf allen Veranstaltungen zum Thema freie Software.

Computerkurse in Telecentros

Eins der beeindruckendsten Vorhaben hat zurzeit das Kommunikationsministerium vorzuweisen. Im Rahmen eines nationalen Projekts betreut es so genannte Telecentros. Brasilien plant etwa 300000 dieser Zentren innerhalb der nächsten Jahre einzurichten.

Telecentros sind Gemeinschaftseinrichtungen vor allem in ärmeren Teilen der Städte Brasiliens. Sie sollen es den Bürgern ermöglichen, sich am digitalen Leben zu beteiligen und den Zugang zu Wissen auch denen bieten, die sich keinen Computer leisten können. Über den einfachen Internetzugang hinaus bieten Telecentros auch Computerkurse an. Generell besteht ein Telecentro aus 10 bis 20 Computern mit Breitbandanschluss ans Internet sowie einer Bibliothek. Grundsätzlich sind jedoch keine zwei Zentren identisch.

Die größte Ansammlung von Telecentros befindet sich in S‹o Paulo. Das Projekt begann ursprünglich mit proprietärer Software. Da es aber schwierig ist, ein Projekt, dass Wissen für alle zugänglich machen soll, mit geschlossener Software anzugehen, setzten die Betreiber mehr und mehr freie Software ein. Ein weiterer Vorteil sind die Kosten: Das Budget, mit dem sich 100 Telecentros mit freier Software errichten ließen, würde bei der Verwendung proprietärer Software nur für 20 Einrichtungen reichen.

Wie Federico Souza da Camara, IT-Koordinator der Telecentros in S‹o Paulo[6], erzählt, kam es während der Umstellung zu durchaus komischen Situationen. Die Besucher erhielten bereits Einführungen in freie Software, als einige Verantwortliche noch dabei waren, ihre Computer auf GNU/Linux umzustellen.

Das führte zu einer regelrechten Wanderbewegung der Benutzer zu den bereits auf freie Software umgestellten Telecentros. Daraufhin riefen einige Manager von noch nicht umgestellten Zentren bei Federico an, weil sie sich wunderten, dass ihnen die Kunden davonliefen. Mittlerweile nutzen alle Telecentros in Sao Paulo vollständig freie Software, wobei Flash und Java die einzigen Problemfälle darstellen.

Abbildung 1: Die brasilianische Regierung ist schwer damit beschäftigt, Telecentros wie dieses im ganzen Land aufzubauen. Dort sollen Menschen den Umgang mit Computern und dem Internet lernen.

Abbildung 1: Die brasilianische Regierung ist schwer damit beschäftigt, Telecentros wie dieses im ganzen Land aufzubauen. Dort sollen Menschen den Umgang mit Computern und dem Internet lernen.

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