Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2004

Linux-Migration in Schwäbisch Hall

Ein Jahr danach

Gewiss war es ein Schwabe, der das Sparen erfand. So ist es kein Wunder, dass die erste komplette Umstellung einer Stadtverwaltung auf Linux im Ländle stattfindet. Das Linux-Magazin berichtet über den Stand der Dinge im Rathaus von Schwäbisch Hall.

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Das Rathaus in Schwäbisch Hall - Motor für Linux in Behörden.

Große Projekte beginnen nicht immer mit hehren Konzepten. Manchmal ist schlicht eine Notlage im Spiel, deren Folgen abzuwenden sind. Eine solche Notwendigkeit ergab sich für die Stadt Schwäbisch Hall, als ihr per Gesetzesänderung 2001 von einem Tag auf den nächsten der wichtigste Steuerzahler, die gleichnamige Bausparkasse, abhanden kam. Um die drohenden Konsequenzen abzumildern, schaut eine gute Verwaltung natürlich immer, wo sich sonst noch Kosten einsparen lassen. In dieser Situation kam ein Vorschlag aus der IT-Abteilung ins Spiel.

Am Anfang stand ein Neuer

Horst Bräuner, der umtriebige EDV-Koordinator der Stadtverwaltung, regte an, eine Umstellung der gesamten Softwarebasis auf Open Source mit Linux ins Auge zu fassen. Immerhin gab es im Hause seit langem einschlägige Erfahrungen im Serverbereich. Angefangen hatte alles im Frühjahr 1997, als ein neuer Mann den Bürgermeistersessel bestieg: Hermann-Josef Pelgrim brachte frischen Wind ins alte Gemäuer und äußerte als Erstes gleich einen Wunsch: Zu seinem Geburtstag im Herbst hätte er gern so etwas wie Internet im Haus.

Bräuner, der seit 1992 verschiedene Unixe kannte und schon immer mit Linux geliebäugelt hatte, konnte liefern. Einen Webserver, einen E-Mail-Server, Proxy, DNS, DHCP - alles Dinge, die seinerzeit von Microsoft nur rudimentär verfügbar waren. Diese Serverlösungen laufen seit dieser Zeit immer noch zufrieden stellend auf derselben Hardware. Im Laufe der Jahre kam dieser und jener weitere Dienst hinzu: Fileserver, Printserver, mehrere Datenbanken. So gab es auf der Serverseite kaum Probleme, als Microsoft im Jahre 2001 die Einstellung des Supports für Windows NT 4 ankündigte (inzwischen von Ende 2002 auf Ende 2003 verschoben). Da war der drohende Steuerausfall nur mehr auslösender Faktor.

Nachdem durch Vorarbeiten im eigenen Hause und Gespräche mit der Führungsspitze die grundsätzliche Vorgehensweise geklärt war, schaute man sich nach Partnern für die Realisierung um. Die fanden sich im Oktober 2002 auf der Linux World Expo mit IBM und SuSE. Am 18.11. schließlich, zum zehnten Suse-Geburtstag, verkündete Pelgrim in Nürnberg seine Absicht, die Softwarebasis auf Linux umzustellen.

Bereits drei Tage später begannen die Startverhandlungen. Nach einem Monat stand ein detaillierter Aufgaben- und Zeitplan. Schon Mitte Januar 2003 gingen die Server (Suse Linux Enterprise) in Betrieb. Für alle Mitarbeiter des Hauses wurde ein Schulungskonzept entwickelt und ab März dieses Jahres umgesetzt. Horst Bräuner und seine sechs Mitstreiter (drei Vollzeitkräfte, drei Auszubildende) gerieten in dieser Zeit oft an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Was während der Arbeitszeit nicht geschafft wurde, etwa die Gestaltung von Präsentationen und Workshops, füllte einen guten Teil der persönlichen Freizeit aus.

Heißer Herbst

Wie kommt Linux auf den Computer des Bürgermeisters? Man lasse eine Linux-Box auf dem Schreibtisch stehen und den Chef neugierig fragen: "Ist das unser neues Betriebssystem? - Ja. - Und das kann man auf jedem PC verwenden? - Ja. - Dann nehme ich das jetzt mal mit nach Hause. - Bitte schön." So geschehen an einem Freitagabend in Schwäbisch Hall. Am Montag stellte der Bürgermeister den Kasten wieder auf den Tisch: "Also wenn meine Kinder das können, dann können das meine Mitarbeiter auch."

Mittlerweile sitzen Oberbürgermeister Pelgrim und sein Referent bereits seit einigen Monaten an Linux-Arbeitsplätzen, weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter folgen nach und nach. Relativ unproblematisch ist dabei noch die Umstellung der gängigen Büroanwendungen. Mit Open Office gibt es zu den bisher eingesetzten MS-Produkten eine Alternative, die den erforderlichen Funktionsumfang bereitstellt und eine sanfte Migration erlaubt, da sie auch unter Windows verfügbar ist. Tabelle 1 zeigt das Beispiel einer gemischten Software-Umgebung und das jeweilige Windows-Produkt, von dem migriert wird.

Hermann-Josef Pelgrim, der Oberbürgermeister von Schwäbisch Hall.

Tabelle 1: Migration
von Büroanwendungen

 

Aufgabe

Ziel-Anwendung

migriert von

Server

Textverarbeitung

Open Office Writer

MS Word

Samba, NFS

 

Tabellenkalkulation

Open Office Calc

MS Excel

Samba, NFS

 

Präsentation

Open Office Impress

MS Powerpoint

Samba, NFS

 

Datenbank

MySQL, PostgreSQL

MS Access

Linux

 

Browser

Mozilla, Konqueror

MS IE

Samba, NFS

 

E-Mail

KMail (nur Linux), Sylpheed, Mozilla

MS Exchange Client

MS Exchange, SLOX

Kalender/Groupware

Open Exchange Server (PostgreSQL)

MS Schedule+

Linux

 

 

Bildbearbeitung

Gimp

Corel Draw, Photo Editor

Samba, NFS

 

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