Open Source im professionellen Einsatz

Die monatliche GNU-Kolumne

Brave GNU World

Diese Kolumne berichtet aus der Perspektive des GNU-Projekts und der FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse aus dem Umfeld freier Software. In dieser Ausgabe: Screenhack, IT-Projekte in Bangladesch, UNO-Gipfel zur Informationsgesellschaft, begrenzte geistige Monopole.

Willkommen zu einer weiteren Ausgabe der Brave GNU World, die diesen Monat im Zug von Zürich nach Lausanne auf dem Weg zur Prep Com 3a entstanden ist. Doch dazu später mehr. Diese Ausgabe beginnt mit einem spannenden Projekt für Filmfreaks.

Screenhack

Ein Großteil der freien 3D-Modellierprogramme wie Ayam[6] oder der Moonlight Creator[7] geben zwar Dateien im standardisierten Renderman-Format aus[8], sie erstellen aber im Gegensatz zu den kommerziellen Produkten keine Animationen. Diese Lücke soll das Programm Screenhack[5] von Michael Wouters schließen. Bereits im Jahr 2000 begann Michael mit der Entwicklung von Screenhack. Später übergab er die Betreuung der Sourcen an Artur Skura, um sich selbst intensiver mit der Arbeit an einer Version mit grafischer Oberfläche zu befassen. Das Programm erstellt Animationen aus 3D-Szenen. Üblicherweise arbeitet es dazu als Bindeglied zwischen Modellier- und Render-Werkzeugen. Es ist ein Kommandozeilentool, das sowohl auf Unix- als auch auf Windows-Systemen läuft.

Abbildung 1: Viele freie Programme benuten das Renderman-Format zur Ausgabe von 3D-Szenen. Renderman ist ein von Pixar entwickeltes Format, das auch die großen Filmstudios einsetzen.

Abbildung 1: Viele freie Programme benuten das Renderman-Format zur Ausgabe von 3D-Szenen. Renderman ist ein von Pixar entwickeltes Format, das auch die großen Filmstudios einsetzen.

Screenhack liest Renderman-Fragmente ein, um daraus Animationen zu erstellen. Das Renderman-Format ist ein Standardformat für realistische Animationen und wird in High-Budget-Filmen professionell eingesetzt. Daher benutzt Screenhack als Ausgabeformat ebenfalls Renderman. Mit Hilfe eines Rendering-Programms wandelt der Grafiker dann die Dateien in den eigentlichen Film um. Das beste freie Renderman-Rendering-Programm ist nach Arturs Meinung übrigens Aqsis[9].

Screenhack ist sehr zuverlässig und solide. Solange es noch keine grafische Oberfläche besitzt, sind räumliches Vorstellungsvermögen und der Einsatz einer 3D-Modellierungs-Software allerdings Voraussetzung. Die Bedienung über die Kommandozeile bietet aber auch einige Vorteile, so lässt sich das Tool beispielsweise in Skripten verwenden. Geschrieben ist Screenhack in C, ursprünglich nur für GNU/Linux und andere Unix-artige Systeme, es gibt aber mittlerweile auch einen Windows-Port.

Das Programm ist freie Software unter der GPL. Die Entwicklung ist laut Artur im Wesentlichen abgeschlossen, da er der Ansicht ist, dass Unix-Tools nicht überfrachtet werden sollten. Einige Hilfsmittel, die Screenhack ergänzen, fehlen aber noch, beispielsweise ein Werkzeug, das ein Frame (Einzelbild) zwischen zwei andere Frames einfügt. Wer helfen will solche Hilfsmittel und Screenhack selbst weiterzuentwickeln, ist herzlich willkommen.

Hilferuf aus Bangladesch

Kürzlich erreichte mich eine Nachricht von Kim Neunert aus Bangladesch. Kim absolviert dort in der Nähe der Hauptstadt Dhaka ein dreimonatiges Stipendium im Rahmen des "Arbeits- und Studien-Aufenthalte"-Programms (ASA)[10]. Er ist der erste Computer-Freiwillige bei der Nicht-Regierungsorganisation "Centre for the rehabilitation of the paralysed" (CRP)[11], dem einzigen Zentrum dieser Art in Bangladesch. Die Situation, die er in seiner Nachricht schildert, ist Besorgnis erregend.

Im Gegensatz zum Nachbarland Indien ist Bangladesch technisch noch sehr schwach entwickelt. Nur die Hauptstadt Dhaka hat überhaupt eine nennenswerte Technikausstattung, wird aber von täglichen Stromausfällen geplagt. 99 Prozent der Rechner in Dhaka laufen außerdem mit Windows 98. Dennoch gibt es bereits seit 1999 eine Linux-Usergroup[12], sie wird ihr nächstes Treffen Mitte Dezember dieses Jahres abhalten. Über die Mailingliste laufen etwa fünf bis fünfzehn Nachrichten pro Tag, die meisten Fragen beziehen sich auf die Beschaffung von Distributionen.

Abbildung 2: Obwohl in Bangladesch fast alle Computer mit Windows laufen, gibt es dort bereits eine Linux-Usergroup mit eigener Homepage und Mailingliste.

Abbildung 2: Obwohl in Bangladesch fast alle Computer mit Windows laufen, gibt es dort bereits eine Linux-Usergroup mit eigener Homepage und Mailingliste.

Die zunehmende Entwicklungsaktivität, die den Computernutzern in Bangladesch zugute kommt, findet größtenteils im bengalisch sprechenden Teil Indiens statt. So gibt es ein Projekt für freie bengalische Zeichensätze[13] und Bestrebungen, eine Live-CD auf Basis von Morphix mit bengalischem Gnome und entsprechenden Manpages zu erstellen[14] (siehe Abbildung 1).

In Bezug auf die politischen, strategischen und volkswirtschaftlichen Aspekte freier Software scheint in Bangladesch noch recht wenig Wissen vorhanden zu sein. Kim schildert, dass die Einwohner seine Argumentation für freie Software zwar nachvollziehen, jedoch kaum daran interessiert seien, in dieser Hinsicht etwas zu unternehmen.

Abbildung 3: Linux bietet vor allem für Entwicklungsländer erhebliche Vorteile gegenüber proprietären Lösungen. In Bangladesch kümmert sich das Bengalinux-Projekt um die Lokalisierung der Programme.

Abbildung 3: Linux bietet vor allem für Entwicklungsländer erhebliche Vorteile gegenüber proprietären Lösungen. In Bangladesch kümmert sich das Bengalinux-Projekt um die Lokalisierung der Programme.

Es gibt allerdings erste Schritte in die richtige Richtung. Im Jahr 2002 erschien in einer bengalischen Tageszeitung der Artikel "How Microsoft will kill Bangladesh (unless Linux saves us)". Auch im Web erscheinen erste politisch motivierte Artikel zum Thema Linux[15]. Dies zeigt, dass die Menschen in Bangladesch anfangen, sich Gedanken über freie Software zu machen.

Kim hat vor Ort eine recht verkorkste Finanzdatenbank vorgefunden, die auf der Einzelinstallation eines proprietären Produkts basiert, von dem nicht mal mehr eine Installationsdisk vorhanden ist. Den Hersteller der Software gibt es ebenfalls schon lange nicht mehr. Die Verantwortlichen wurden sich des dadurch verursachte Problems erst bewusst, als Kim ihnen erklären musste, dass er die Datenbank nicht an die neuen Erfordernisse anpassen könne.

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