Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 12/2003

Private, gemeinschaftlich betriebene Funknetze

Funk für die Massen

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Die WLAN-Technik ermöglicht kostengünstige freie Netze für jedermann - jenseits des kommerzialisierten Internets. Immer mehr Initiativen und Vereine nutzen diese Chance; freie Software für den Betrieb der Technik steht zur Verfügung.

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WLAN-Technik ist billig und einfach anzuwenden. Damit gewinnt die Idee freier, sich selbst organisierender Netze wieder an Attraktivität. Ob es nun darum geht, nur mit den Freunden in der Nachbarschaft vernetzt zu sein oder ob dahinter der Anspruch steht, weitgehend unabhängige Infrastrukturen aufzubauen, um der Überwachung, Zensur und Kommerzialisierung (erneut) ein Schnippchen zu schlagen: Die Motive erinnern etwas an jene der Internet-Pioniere in den 80er Jahren, an die Bürgernetz-Initiativen Anfang bis Ende der 90er und nicht zuletzt an die Interessen freier Software-Entwickler.

Die Idee der selbst organisierten drahtlosen Vernetzung ist nicht neu, das Guerilla Net[1] aus Boston beispielsweise ist ein Pionier dieser Szene und hat schon frühzeitig mit Packet Radio experimentiert, um auch große Distanzen überbrücken zu können. In Deutschland begann um 1998 herum beispielsweise das "Thüringen Netz" (Thurnet[2]) unter anderem mit Lutz Donnerhacke damit, an Funknetzen zu arbeiten. Die Thüringer entschieden sich schon für den späteren WLAN-Standard 802.11, damals natürlich noch mit weit geringeren Übertragungsraten.

Deutschland im Dornröschenschlaf

Trotz dieser Ansätze kommen private Funknetze in Deutschland nur langsam voran. Zwar besteht inzwischen Klarheit über die rechtlichen Rahmenbedingungen (siehe Kasten "EU-Richtlinie ..."). Mit welchen Schwierigkeiten Initiativen in Deutschland immer noch zu kämpfen haben, weiß beispielsweise Peter Brügemann von Wooms e.V.[17]. Schon seit über einem Jahr setzt er sich dafür ein, WLAN zum Vorteil der Stadt Münster und zur Förderung von Wissenschaft, Bildung und Kultur einzusetzen. Doch die Stadtväter haben leider nicht erkannt, dass neben öffentlichen Hotspots auch private Netzwerke ihre Berechtigung haben. Besonders die Erlaubnis zur Montage von Antennen erweist sich immer wieder als Schwierigkeit.

Djurslands.net

Dass es auch anders geht, zeigt ein Beispiel aus Skandinavien. Das Djursland ist eine dünn besiedelte Region im Nordosten Dänemarks. Sie ist offenbar[3] nicht nur für große Unternehmen wirtschaftlich bedeutungslos. Das Djursland war in den vergangen Jahren auch zunehmend von Streichungen im öffentlichen Haushalt betroffen. 1998 wurde der Fährhafen von Grenaa geschlossen. Im Jahr 2002 schloss das einzige Krankenhaus der Region. Es gibt bereits Pläne dafür, auch noch den Flughafen und einen weiteren Fährhafen zu schließen. Seit dem Jahr 2000 haben die mehr als 82000 Menschen keine lokale Tageszeitung mehr. Auch eine flächendeckende Versorgung der Region mit Breitband-Internet ist den Telekommunikations-Anbietern zu teuer.

Im Jahr 2000 begann eine Hand voll "Nerds" mit dem Aufbau einer gemischten WLAN-Glasfaser-Infrastruktur für das Djursland. Sie mieteten die nach der Schließung der Krankenhauses brachliegende Glasfaserleitung und verbanden damit die acht Kreisstädte der Region. An den beiden Enden ist die Glasfaserleitung an den dänischen Internet-Backbone angeschlossen. An mehreren Anschlusspunkten zweigen Wireless LANs ab, die breitbandiges Internet bis in die entlegensten Winkel von Djursland übertragen können.

Wer mitmachen möchte, kauft eine einfach zu montierende Dosen-Antenne, die zum Stückpreis von umgerechnet 35 Euro in Massenproduktion selbst hergestellt wird. Gegen eine einmalige Anschlussgebühr von 270 Euro und ein monatliches Entgelt von 13,50 Euro gibt es eine Flatrate von 1 bis 2 MBits ohne weitere Beschränkungen. Bis Ende 2003 werden etwa 3500 Haushalte an das gemeinsame Netzwerk angeschlossen sein. Die Zahl der freiwilligen Helfer ist inzwischen auf 200 angestiegen.

Viele Initiatoren von WLAN-Community-Projekten verweisen auf die Analogie zu freier Software: Auch freie Netze sollen aus kooperativen Handlungen einzelner Akteure entstehen und Gemeingut sein[4]. Das Regelwerk fürs Durchleiten des Netzwerkverkehrs könnte aus so genannten Picopeering-Abkommen aufgebaut werden[5].

Abbildung 1: Das nördliche Djursland ist fast flächendeckend mit WLAN-Zugängen versehen.

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Deutschland

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