Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 09/2003

O'Reillys Entwicklerkonferenz OSCON

Open Source All Stars

Auf der OSCON traf sich das Who's who der Open-Source-Szene. Angst vor proprietärer Software kam aber nicht auf, schließlich ließ man sich sogar von Microsoft das Mittagessen sponsern. Dass unserem Mann in Portland, dem Autor des Perl-Snapshots, aber vor allem eines wichtig war, sei ihm verziehen.

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Embracing and Extending Proprietary Software - so hieß das Motto der diesjährigen Open Source Conference vom 9. bis 11. Juli in Portland (Oregon). Es ruft dazu auf, auch die Sturköpfe der Software-Industrie in die Arme zu schließen, ihre Angebote in der Open-Source-Gemeinde anzunehmen und darauf aufzubauen.

Trotz schlechter Konjukturlage und eher trüber Zukunftsprognosen der amerikanischen Software-Industrie trieb es 1800 Teilnehmer zur OSCON, 300 mehr als im Vorjahr. Den Organisatoren gelang es, dank hochkarätiger Präsentationen und anwesender Open-Source-Superstars die Konferenzsäle stets gut zu füllen und die neuesten Entwicklungen rund um Apache, Java, XML, MySQL, Perl, PostgreSQL, Python, Ruby und verwandte Bereichen zu zeigen.

Tim O'Reilly, Chef des gleichnamigen Buchverlags und Visionär der Open-Source-Szene, rief die Anhänger offenen Sourcecodes in seiner Keynote dazu auf, die Angebote von Amazon, Ebay und Google nicht zu verschmähen. Die heutigen Killerapplikationen, so Tim O'Reilly, seien nicht Textverarbeitungen, sondern Internetservices wie etwa Googles Suchdienst und sogar die Dienste des Buchhändlers Amazon.

Diese Services bringen der Allgemeinheit einen Nutzen und letztlich interessiere es niemanden, welche Technologie unter welchen Lizenzen sie hinter den Kulissen betreiben. Ob Ebay mit Microsoft-Technologie arbeitet (O'Reillys Safari-Online-Buchservice tut pikanterweise dasselbe) oder Anbieter wie Yahoo auf LAMP (Linux, Apache, MySQL, Perl /Python/PHP) setzen, sei im Grunde irrelevant. Geschockt war niemand. Richard Stallman wäre explodiert, aber der war nicht da.

Die Killerapplikation ist Web-basiert

Tim O'Reilly spann den Gedanken weiter: Wie viele Leute haben an Linux mitgewirkt? Ein paar tausend. Und wie viele helfen im Vergleich dazu täglich anderen, indem sie Bücher auf Amazon.com bewerten oder, um den Vergleich auf die Spitze zu treiben, nur dort kaufen und damit Kaufvorschläge für gute Produkte generieren? Oder einen Link auf ihrer Website anbringen und damit eine neue Website via Googles Page-Rank-System in das sichtbare Internetuniversum katapultieren? Sicherlich mehr als tausendmal so viele. Wenn man sich's überlegt: Ein System, das funktioniert, weil nur jeder egoistisch auf seinen eigenen Vorteil achtet und seinen Gewinn maximiert. Adam Smiths "The Wealth of Nations" lässt grüßen.

Jeff Barr von Amazon.com und Jeffrey McManus von Ebay, jeweils verantwortlich für die Webservices ihrer Unternehmen, stellten sich in einer Podiumsdiskussion den Fragen der Konferenzteilnehmer. Sie versicherten, dass sie kaum jemals ihren intern verwendeten Code veröffentlichen werden. Bei ihren Daten hätten sie aber sehr wohl finanzielle Interessen daran, sie mit Partnerseiten zu teilen, die wieder zu ihnen zurücklinken und damit Amazons/Ebays Webverkehr ankurbeln. Im Falle des Amazon-Partnerprogramms können solche Seiten in Form so genannter Kickbacks sogar dafür bezahlt werden.

Amazon und Ebay haben indes nichts zu befürchten: Da keine Garantie für die Verfügbarkeit ihrer Webservices existiert, würde kein nüchterner Geschäftsmann ein millionenschweres Konkurrenzprojekt darauf aufbauen. Im Zweifelsfall könnten sie ihr Angebot ja einfach einstampfen oder zufälligen Wartungszyklen unterwerfen - und so unliebsame Nutznießer legal, aber brutal kaltstellen. Das freilich nur im Notfall, ein Imageverlust wäre unvermeidbar.

Perl zwischen Ponie und Papagei

Perl-Chef Larry Wall verkündete nicht nur, dass Perl 6 immer näher rücke (obwohl wie jedes Jahr kein Enddatum festliegt), sondern auch den Beginn eines neuen Projekts namens Ponie, das Perl 5 auf Parrot portiert, also auf jene virtuelle Maschine, auf der künftig nicht nur Perl 6, sondern auch andere Skriptsprachen wie beispielsweise Python oder Ruby superschnell laufen sollen.

Damian Conway führte durch Perl-6-Konzepte, die bekannte Perl-5-Probleme lösen: endlich ein fest integriertes Objektsystem, Makros und auch futu- bis humoristisch anmutende Schmankerl wie Quantum Superpositions (in Perl 6 Junctions genannt), mit beliebigen (!) Unicode-Zeichen definierbare und überladbare Operatoren sowie der Yada-yada-Yada-Operator »...« (eine Seinfeld-Referenz) als syntaktisch korrekter Füllmechanismus für noch nicht implementierte Funktionalität.

Eine Präsentation der neuen regulären Ausdrücke in Perl 6 zeigte, dass diese sich nicht nur für Perl-typische Textverarbeitungsaufgaben eignen, sondern dass sich damit selbst Parser-Lösungen für extrem schwierige Grammatiken auf die Beine stellen lassen. Kein Scherz: Ein Perl-6-Parser, geschrieben mit den in Perl 6 verfügbaren regulären Ausdrücken, ist schon in Planung. Ein Großteil der neuen Perl-6-Regexes ist bereits heute mit Hilfe des Perl-5-Moduls Perl6::Rules verfügbar.

Es zeichnet sich insgesamt ab, dass Perl 6 wohl eine Fülle absolut revolutionärer Konzepte anbieten wird, die weit jenseits der Möglichkeiten von Otto Normalprogrammierer liegen. Die einfachen Dinge sollen aber, getreu dem Perl-Motto, einfach bleiben.

Abbildung 2: Microsoft spendiert ein Mittagessen. "Free" wie in "Free Lunch" ist schon mal drin.

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