Immer wieder schreiben Leser an das Linux-Magazin, weil sie mit dem Onlineservice ihrer Hausbank unzufrieden sind. Manchmal sehen die Seiten grauenvoll aus, manchmal werden Anwender mit Linux als Betriebssystem systematisch ausgesperrt - Anlass genug, die Sache gründlicher zu untersuchen. Sechs Banken müssen stellvertretend für Deutschlands Finanzwelt zeigen, ob sie nur an Kunden mit Windows und Internet Explorer interessiert sind.
Das Unterfangen gestaltete sich schwieriger als gedacht: Viele Banken haben offenbar eine angeborene Testallergie (Kasten "Ein Test? Nein danke!") und sträuben sich gegen solche Analysen. Deshalb mussten zum Teil die echten Bankkonten einiger Linux-Magazin-Redakteure herhalten. Bei den Sparkassen und den Volks- und Raiffeisenbanken kommt das Problem hinzu, dass sie keine organischen Großbanken, sondern Zusammenschlüsse vieler kleiner Banken sind, die in Sachen IT gern ihr eigenes Süppchen kochen.
In einem anderen Punkt gleichen alle Testkandidaten einander aber sehr: Keine Bank hält sich an W3C-Standards, alle begutachtete Seiten verfehlen den Test mit dem Validator [validator.w3.org] - meist erheblich. Daran gemessen ist es erstaunlich, wie gut die Seiten dennoch funktionieren. Von kleineren Ausrutschern abgesehen läuft alles - und sieht gut aus. Warum man sich aber nicht auf etablierte Standards wie HTML 4.01 verlässt, bleibt unverständlich.
Wenn die Seite mehr verlangt, als HTML und CSS hergeben, greifen die Designer zu Java und Javascript (ECMA-Skript) - aber mit mehr Glück als Programmierkunst. Die meisten Angebote führen in den Browserkonsolen zu Fehlermeldungen. Die Mehrzahl der Banken setzt bei ihren Onlinekunden (noch?) keine Breitbandanschlüsse voraus. Nur wenige Seiten sind mit auffällig großen Grafiken oder Java-Monstern aufgepeppt. So gesehen steht auch dem mobilen Banking nichts Größeres im Wege.
Das Aussieben von Benutzern mit bestimmten Browsern oder Betriebssystemen findet nur in einem Fall statt, Comdirect mag keine Benutzer mit dem Konqueror. Ansonsten wird anscheinend niemand ausgesperrt - schon aus marktwirtschaftlichen Überlegungen eine weise Strategie.
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Ursprünglich wollte das Linux-Magazin einen richtigen Vergleichstest durchführen, mit einer identischen Testplattform für alle Kandidaten. Dazu wäre die Unterstützung der Banken notwendig gewesen; es macht sich in Schufa-Statements für eine Einzelperson nicht so toll, ein Dutzend Konten zu eröffnen und nach ein paar Tagen wieder zu löschen.
Doch die meisten Banken wollten offenbar nicht getestet werden. Und nicht jede Bank hat einen technisch gleichwertigen Demo-Zugang, in dem man sich gefahrlos austoben darf. Wenn das Stichwort "Test" fiel, war von einigen Pressesprechern nichts mehr zu hören. Hier sei die Commerzbank lobend erwähnt, die schriftlich bestätigte, dass ihr Demo-Konto einem echten genau gleiche.
Die Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken als Bankenzusammenschlüsse pflegen zudem eine inhomogene IT, ein paar Insellösungen eingeschlossen. Das Linux-Magazin sah sich aus Gerechtigkeitsgründen außer Stande, eine Sparkasse und ein VR-Institut als repräsentativ auszuwählen. Beide Vereinigungen reagierten nicht auf die Anfrage, doch ein Musterinstitut zu benennen.
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Advancebank
Bei der Tochter des Allianz-Konzerns ist man dem Pinguin ganz offiziell hold. Neben Internet Explorer und Netscape bis Version 7 supported die Advancebank Mozilla explizit, wobei sie eventuelle Fontprobleme des Letzteren in den FAQs behandelt. Es gibt eine fünfseitige Bedienanleitung als PDF-Datei, die Browser und Betriebssysteme auflistet. Konqueror steht nicht drin, funktioniert aber trotzdem. Wer will, kann sogar mit Lynx seine Kontostände abfragen.
Unterm Strich trüben nur leichte Darstellungsfehler wie das etwas zu schmal geratene Feld für das Datum (Konqueror) die Freude der Pinguin-Jünger. Zwei Cookies zeugen von geringer Datensammelleidenschaft, womit Überwachungskritiker gut surfen. Auch mit Javascript wird gespart, was Probleme reduziert. Die Geschwindigkeit der Seiten ist seit der letzten Site-Umstellung etwas träger geworden, aber immer noch sehr gut. Informationen zum Thema Sicherheit sind leicht zu finden, was das Bild abrundet. Fazit: Uneingeschränkt Linux-tauglich.
Abbildung 1: Die Advancebank kümmert sich schon lange um Linux-Kunden.
Abbildung 2: Wenn Comdirect einen Browser nicht mag, behauptet sie einfach, die Webseite seit ausgefallen.
Comdirect
Die Commerzbank leistet sich neben einer eigenen Internetpräsenz eine echte Internettochter, die Comdirect. Deren Webseiten bieten nicht so viele Funktionen wie die der Großbank, hübsch sind sie aber auch. Linux ist hier bekannt, in der Anleitung erwähnt die Bank, dass mit Linux-Browsern keine Probleme bekannt seien - Support möchte die Bank dafür jedoch nicht leisten.
Im Test gab es mit Mozilla keine Probleme, mit Opera kam es zuweilen zu Abstürzen. Comdirect siebt über eine Browserweiche Konqueror-Besitzer aus: Das System behauptet einfach, dass die Brokerage-Sektion zurzeit nicht verfügbar sei. (Abbildung 2).
Vorbildlich ist dagegen der völlige Verzicht auf Cookies, auch Sicherheitsbewusste können ohne Bestätigungsarien bequem banken. Sehr gut ist auch, dass Comdirect es geschafft hat, Java und Javascript so zu bauen, dass keine Fehlermeldungen zu Protokoll genommen werden. Auch ihre Geschwindigkeit gefällt. Fazit: Comdirect ist nur mit Mozilla und Netscape Linux-tauglich, dann aber voll.