In einer "elektronischen Briefwahl" vom 8. bis 29. März hat sich Martin Michlmayr als neuer Debian Project Leader (DPL) für ein Jahr durchgesetzt. Er hat Psychologie und Philosophie studiert, war Sysadmin und Software-Ingenieur und schrieb für Linux-Zeitschriften. Jetzt studiert er in Melbourne und engagiert sich für GNU Step, Linux International, das Linux Documentation Project, Software in the Public Interest und natürlich Debian.
Linux-Magazin: Drei Wochen Wahldauer: Was geht einem da durch den Kopf?
M. Michlmayr: Ich hatte ganz komische Gefühle. Es dauerte eine Weile, bis ich mich an den Gedanken gewöhnen konnte, dass ich der nächste Projektleiter sein würde.
Ein Grund ist, wie die Wahl abläuft. Sie ist in drei Abschnitte eingeteilt, die jeweils drei Wochen dauern. Zuerst haben alle Debian-Entwickler die Möglichkeit, sich als Kandidat aufzustellen. In den folgenden drei Wochen wird der eigentliche Wahlkampf geführt. Wenn die drei Wochen vorbei sind, geht es zur Wahl, die selbst wiederum drei Wochen dauert. Während des Wahlkampfs spricht zwar jeder davon, aber während der eigentlichen Wahlperiode schläft das Ganze ein.
Ich fühlte mich zuerst mal wie vom Blitz getroffen und konnte es gar nicht fassen. Aber nach ein paar Tagen hatte ich mich darauf eingestellt und habe mich natürlich sehr über das Wahlergebnis gefreut. Ich bin sehr stolz, dass ich gewählt worden bin. Es bedeutet mir sehr viel, dass die Debian-Community mir das Vertrauen entgegenbringt, das Projekt erfolgreich zu führen und zu leiten.
Linux-Magazin: Was macht der DPL und was hast du für Plän
M. Michlmayr: Der DPL repräsentiert das Projekt nach außen, intern führt er es. Vor und während der Wahl gab es eine Diskussion über die Rolle des DPL. Seine Funktionen und seine Rechte sind in der Verfassung von Debian beschrieben, aber es ist relativ unklar, was sich Entwickler oder User von ihm versprechen. Ich denke, dass es Debian in den letzten Jahren an einer klaren Führung und Vision gefehlt hat. Man hört oft, dass es keine Führung in freien Softwareprojekten gibt oder dass sich die Projekte selbst koordinieren. Leider ist diese Sichtweise aber zu eingeschränkt.
Es geht genau darum, ein Projekt so zu führen, wie es sich führen lässt. Und um herauszufinden, wie das geht, braucht es ein gutes Verständnis der Kultur, in der das Projekt operiert. Ich glaube, dass ich durch die Erfahrung, die ich in den letzten Jahren in verschiedenen Freie-Software-Projekten gesammelt habe, in der Lage bin, das Projekt erfolgreich zu koordinieren und zu motivieren.
Über tausend machen mit
Debian ist ein interessantes Projekt, denn mit über 800 offiziellen Debian-Entwicklern und über 200 externen Beitragenden ist es sehr komplex. Manche Personen muss man einfach in Ruhe ihre Arbeit machen lassen, während andere profitieren, wenn man ihnen klar definierte Aufgaben gibt und öfter nachfragt, wie die Arbeit läuft. Es ist meine Absicht, das Projekt zu koordinieren und die Entwickler zu motivieren.
Natürlich werde ich Debian auch nach außen repräsentieren. Es ist sehr wichtig, dass Debian gute Verbindungen zu Firmen und Organisationen und selbstverständlich auch zu seinen Benutzern hat. Ich arbeite aktiv mit anderen zusammen oder bestimme Vertreter, die Debian einer bestimmten Organisation gegenüber repräsentieren. Zudem gebe ich Vorträge über Debian, wie zum Beispiel am Linuxtag im Juli und bei UKUUGs Linux 2003 in Edinburgh Anfang August.
Linux-Magazin: Was bedeutet "koordinieren und motivieren" in der Praxis? Was willst du anders machen als deine Vorgänger?
M. Michlmayr: Ich glaube, dass die früheren DPLs diese Aufgabe kaum ausgeführt haben. Somit wird es große Unterschiede geben, obwohl viele nicht einfach zu erkennen sind, weil die Koordination im Hintergrund abläuft. In der Praxis bedeutet meine Arbeit, dass ich in sehr engem Kontakt mit vielen Entwicklern stehen will. Ich habe, als ich DPL wurde, Kontakt mit den meisten Entwicklern aufgenommen, die eine wichtige Rolle im Projekt spielen, und nach einem Status-Report gefragt.
So konnte ich mir ein besseres Bild der aktuellen Situation machen und im nächsten Schritt erfahren, wie Verbesserungen möglich sind. Zum Beispiel sind einige Personen mit ihren derzeitigen Aufgaben überfordert und brauchen Hilfe, während andere gut für diese Aufgaben geeignet wären und auch die Zeit dazu haben. Meine Aufgabe ist es, diese Personen dann zusammenzubringen und herauszufinden, wie sie zusammenarbeiten können. Eine ähnliche Rolle spiele ich auch gegenüber Firmen. Es gilt zu identifizieren, wie diese sich am besten in Debian einbringen können.
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Der DPL repräsentiert das Projekt nach außen und informiert die Öffentlichkeit durch Veranstaltungen und Vorträge. Er koordiniert die Unterprojekte und organisatorischen Einheiten innerhalb Debians.
Nach der Debian-Verfassung bestellt er Delegierte, die dort entscheiden, wo er nicht darf: etwa beim Ausschluss eines Entwicklers. Er trifft alle Entscheidungen, die die Debian-Verfassung nicht ausdrücklich einer bestimmten Person oder Gruppe zuweist.
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Linux-Magazin: Du hast dich ja zuletzt unter anderem um neue und inaktive Maintainer im Debian-Projekt gekümmert. Planst du, diese Aufgaben auch weiter wahrzunehmen?
M. Michlmayr: Ja, auf jeden Fall. Viele frühere DPLs haben ihre früheren Aufgaben vernachlässigt, als sie Projektleiter wurden. Natürlich beansprucht die Rolle des Projektleiters ein gutes Stück an Zeit, vor allem, wenn man es ordentlich machen will. Debian und die Rolle des DPL haben hohe Priorität für mich und ich denke, dass ich die nötige Zeit aufbringen kann.
Linux-Magazin: Kommen bei der Vielzahl deiner anderen Aktivitäten nicht die eigentlichen Aufgaben des Managers zu kurz?
M. Michlmayr: Ich hoffe nicht. Ich denke, dass ich genug Zeit für meine Funktion als Projektleiter aufbringen kann. Falls dies nicht der Fall ist, werde ich einige meiner bisherigen Aktivitäten an andere weitergeben. Leider ist es aber oft schwierig, Leute zu finden, die allgemeine Funktionen wie zum Beispiel Quality Assurance, Testing oder Security ausüben möchten. Aber es ist ja eine der Aufgaben des DPL, Leute zu motivieren, auch solche Aufgaben zu übernehmen.
Linux-Magazin: Wird sich der neue DPL persönlich um die nächste Debian-Release Sarge kümmern?
M. Michlmayr: Grundsätzlich hat der Release-Manager das Sagen, was Sarge betrifft. Aber natürlich werde ich mich in beratender Funktion einbringen. Ich habe guten Kontakt zu Anthony Towns, dem derzeitigen Release-Manager.
Linux-Magazin: Debian gilt bei vielen Anwendern als kompliziert und wenig benutzerfreundlich. Was wollt ihr dagegen tun?
M. Michlmayr: Debian war in den letzten Jahren für viele schwer zugänglich und anspruchsvoll. Das Problem ist, dass Debian von Profis entwickelt wird, die oft die Bedürfnisse der Anwender nur schlecht verstehen. Zum Glück hat sich hier in letzter Zeit sehr viel getan. Das Debian-Desktop-Projekt ist ein Beispiel, genauso wie unser Beitritt zum Desktop Linux Consortium. Wir haben jetzt Freiwillige, die an einem besseren Installer und mehr Usability in allen Bereichen arbeiten. Einige arbeiten daran, Debian für Blinde tauglich zu machen.
Debian wird oft als "das universelle Betriebssystem" bezeichnet. Wir unterstützen die größte Anzahl von Architekturen im Vergleich zu anderen Linux-Distributionen und haben einige Subprojekte, die sich an bestimmte Anwender richten. Das Debian-Desktop-Projekt ist sicher ein Vorhaben, das einen sehr großen Stellenwert hat. Anwender können dabei mithelfen, Debian benutzerfreundlicher zu machen, indem sie Installationsberichte und ähnliches Feedback einschicken.
Martin Michlmayr im illustren Kreis einiger Entwickler bei der letzten Fosdem.
"Debian gilt als Standard"
Linux-Magazin: Was war Debians Weg in den letzten Jahren und wohin geht die Reise?
M. Michlmayr: Das Debian-Projekt wurde größer und mächtiger. Wir haben mehr aktive Entwickler denn je, mehr Pakete, mehr Architekturen. Die zuvor angesprochenen Subprojekte versuchen, Debian auf bestimmten Gebieten besonders geeignet zu machen, und haben teilweise schon sehr gute Ergebnisse erzielt. Natürlich sollte man aber nicht nur auf die Größe schauen - man darf auch die Qualität nie aus den Augen verlieren. Aber auch hier kann Debian durchaus mit anderen mithalten. Debian gilt in vielen Bereichen als Standard - nicht nur wegen der Größe oder der einzigartigen Philosophie, sondern auch in Fragen der Qualität und Stabilität.
Linux-Magazin: Der derzeitige Linux-Hype - gut oder schlecht? Und was bringt die Zukunft?
M. Michlmayr: Ich habe mich bei Debian beteiligt, weil das Projekt eine Herausforderung ist und die Qualitäten benötigt, die ich mitbringe. Ich habe in den letzten Jahren bei einigen Projekten und Organisationen rund um freie Software mitgemacht und hatte meist koordinierende Funktionen inne. Die Koordination eines Projekts mit über 800 Freiwilligen hat mich sehr gereizt.
Zudem habe ich Debian seit langem eingesetzt und wollte etwas zurückgeben. Natürlich motiviert mich auch die Philosophie von Debian etwas beizusteuern. Ich denke, dass freier Umgang mit Information sehr wichtig für die Zukunft unserer Gesellschaft ist. Freie Software ist ein Vorbote großer Veränderungen in unserer Gesellschaft und es ist wundervoll, aktiv daran beteiligt zu sein, unsere Zukunft zu formen.
Linux-Magazin: In einem Satz: Wer ist Martin Michlmayr?
M. Michlmayr: Ein engagierter, ehrgeiziger und verlässlicher Mensch mit teilweise kontroverser Weltanschauung. (fan)