Richard Seibt (51), studierter Betriebswirt, hat eine 20-jährige IBM-Karriere hinter sich. Als Geschäftsführer Deutschland war er für Vertrieb und Marketing der IBM-Software in Deutschland, Österreich und der Schweiz zuständig, als Vice President auch für Nordamerika. Vor fünf Jahren wechselte er in den Vorstand der United Internet AG (GMX, 1&1) und im Januar 2003 als CEO zu SuSE.
Linux-Magazin: Herr Seibt, Sie kommen wie Microsofts neuer Deutschland-Chef Jürgen Gallmann von IBM. Platziert Big Blue jetzt Emissäre an den äußersten Betriebssystem-Flanken?
R. Seibt (lachend): Herrn Gallmann hatte ich selbst bei der IBM eingestellt. Er ist sicher ein Kenner der Softwareszene und darum achte ich ihn sehr. Wenn ich aber unsere beiden Entscheidungen vergleiche: Windows ist Vergangenheit. Ich dagegen habe mich für ein Unternehmen der Zukunft entschieden. Uns steht eine totale Veränderung der Softwaretechnologie bevor, vergleichbar mit den Mainframes vor 40 Jahren oder später dem Intel-PC-Prozessor und Windows oder Suns Sparc/Solaris. Die jetzt bahnbrechende Technologie ist Linux.
Linux-Magazin: Was macht sie Ihrer Meinung nach so bahnbrechend?
R. Seibt: Der wichtigste Vorteil von Open Source resultiert daraus, dass die Community ihre Entscheidungen unabhängig von Budgets oder vom Management trifft. Nicht angeordnete Releases, sondern technische Machbarkeit ist das Kriterium. Open Source ist darum bei Innovationen schneller als die konventionelle Software-Entwicklung.
Hinzu kommt die höhere Codequalität - zum einen unterschreiben die Entwickler mit ihrem eigenen Namen und zum anderen testen viel mehr Leute. Der letzte wichtige Vorteil ist die große Wahlmöglichkeit beim Aufbau einer IT-Infrastruktur.
Linux-Magazin: Bedeutet dies, dass SuSE weiterhin in der Kernel-Entwicklung aktiv sein wird?
R. Seibt: Das sowieso! Wir haben das weltgrößte Linux-Entwicklungsteam mit 150 Mitarbeitern, davon arbeiten 30 am Kernel mit. In wichtigen Bereichen stellen wir die Maintainer. Die Community ist für uns der wichtigste Partner von allen.
"OS/2 war nicht wirklich das richtige Betriebssystem"
Linux-Magazin: Es gab schon Betriebssysteme, die technisch im Vorteil waren und trotzdem verschwanden - wie OS/2. Sie selbst hatten bei IBM als General Manager dieses System so erfolgreich gefördert, dass die Begeisterung der Benutzer nach IBMs Rückzug nur schwer zu stoppen war. Warum sollte das mit Linux anders sein?
R. Seibt: Das, was ich damals nur für Deutschland machen durfte, kann ich heute weltweit tun. Zudem ist die Ausgangsposition viel besser als damals: Heute sind 26 Prozent der neu ausgelieferten Server Linux-basiert. Und es gibt viel mehr Applikationen für Linux als früher für OS/2, zum Beispiel eine SAP-Version! Ich selber hatte - erfolglos - versucht, SAP für eine Portierung auf OS/2 zu gewinnen. Na ja, zugegeben: OS/2 war technisch nicht wirklich das richtige Betriebssystem dafür.
Linux-Magazin: Großes Linux-Thema der CeBIT ist die Klage von United-Linux-Mitglied SCO gegen United-Linux-Partner IBM. SuSE als maßgebende Kraft im Bündnis dürfte das nicht kalt lassen?
R. Seibt: Es gibt ein offizielles SuSE-Statement von mir zu diesem bedauerlichen Thema, das sehr deutlich formuliert ist. (Anmerkung der Redaktion: Siehe dazu auch Linux-Magazin 5/2003, S. 17). Ich möchte hinzufügen, dass es keinerlei Auswirkungen auf den Erfolg von United Linux hat, geschweige denn auf den von Linux generell. Ich kann das an dem Kundeninteresse festmachen: Niemand schiebt eine Investitionen in Linux auf, die Nachfrage ist genauso hoch wie vorher - eher höher.
Linux-Magazin: Um die Kapitalausstattung bei SuSE stand es nicht immer zum Besten. Einige Finanzierungsrunden konnten nach unseren Informationen nur kurz auf knapp angeschlossen werden. Wie geht es hier weiter?
R. Seibt: Ich wäre nicht bei der SuSE AG, wenn ich nicht sicher wäre, dass wir eine glorreiche Zukunft vor uns hätten. Alle Schwierigkeiten liegen hinter uns.
Linux-Magazin: Die Venture-Kapital-Firmen teilen Ihren Optimismus?
R. Seibt: Wäre das nicht so, säße ich nicht hier. Die Investoren wollen im Marketing- und Sales-Bereich erweiterte Anstrengungen unternehmen. Das setzt Vertrauen genauso wie die entsprechende Finanzierung des Unternehmens voraus - beides ist in exzellenter Weise gegeben.
Linux-Magazin: SuSE führt Verhandlungen unbekannten Inhalts mit Sun.
R. Seibt: Wir sprechen mit allen im Markt. Wenn Sun sich Gedanken über ihre Linux-Strategie macht, dann sind wir stolz, dass auch unsere Meinung gehört wird. Was sich daraus entwickelt, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.