Kaffeesatzleserei, sich selbst erfüllende Prophezeiung oder verlässliche Marktforschung - was immer man von Marktstudien hält, wer auf dem Budget-Topf hockt, nimmt sie gern als Entscheidungsgrundlage. Ende letzten und Anfang dieses Jahres erschienen einige Studien über die Rolle von Linux in der jüngsten Vergangenheit, verbunden mit einem Blick in die Glaskugel. Dort sehen alle Auguren dasselbe: gute Aussichten für das freie Betriebssystem trotz oder gerade wegen der gedämpften wirtschaftlichen Lage im Allgemeinen.
Mit den Daten der Beratungs- und Marktforschungsunternehmen Techconsult und der Meta Group liegen erstmals detaillierte Studien über den Markt in Deutschland vor. Techconsult betreibt in erster Linie Primär-Research, hat also gewissermaßen das Ohr an der Masse und arbeitet mit einem sehr großen Panel an Befragten und klassischen Hochrechnungsmethoden, wie sie auch in der Wahlforschung Anwendung finden.
Kritische Masse erreicht
Für ihre im Januar veröffentlichte Studie im Auftrag von Fujitsu-Siemens hat Techconsult laut Managing Director Andreas Zilch etwa 3000 Firmen befragt. Die wichtigsten Ergebnisse: Auf dem Server kommt Linux in Deutschland auf einen Marktanteil von 12,5 Prozent und hat damit die kritische Masse erreicht. Zu erwarten ist jetzt ein eher moderates Wachstum auf etwa 13,4 Prozent bis Ende 2003 (Abbildung 1).
Abbildung 1: Servermarkt in Deutschland 2002 und Prognosen für 2003. Linux hat eine kritische Masse erreicht, soll aber nur geringfügig zulegen.
Die Meta Group hat im Auftrag zahlreicher Sponsoren IT-Entscheider deutscher Unternehmen sehr detailliert zum Einsatz von Linux und freier Software befragt. Bei der Unternehmensgröße liegt der Schwerpunkt auf größeren Mittelständlern, hier vor allem in der indus- triellen Fertigung. Angesprochen wurden etwa 1000 Unternehmen, deren IT-Entscheider wussten immerhin in mehr als 700 Fällen, ob in ihrer Firma Linux im Einsatz ist, 36 Prozent davon bejahten diese Frage, 188 waren zu detaillierten Aussagen bereit.
Meta Group folgert daraus, dass mehr als 36 Prozent aller deutschen Unternehmen Linux einsetzen. Erwartungsgemäß dominiert SuSE mit 75 Prozent, Red Hat liegt mit 15 Prozent auf Platz zwei. Die genaue Verteilung zeigt Abbildung 2.
Abbildung 2: Marktanteile von Linux-Systemen in Deutschland. SuSE führt mit riesigem Abstand, Mandrake und Debian fristen ein Nischendasein.
Linux spart Kosten
IT-Verantwortliche sind überzeugt, dass Linux einen positiven Kosteneffekt hat, das zeigt Abbildung 3. Dass angeblich keiner so richtig unzufrieden ist, dürfte aber eher eine systematische Verzerrung sein, schließlich hat man diejenigen befragt, die die Entscheidung trafen. Einsicht in Fehlentscheidungen ist schließlich keine Managertugend.
Abbildung 3: Zufriedenheit mit Linux bei der Einsparung von Gesamtkosten (Total Cost of Ownership). Befragt wurden IT-Entscheider.
Eine oberflächliche Betrachtung der Einsatzzwecke gibt klassischen Unix-Anbietern wie Sun recht. Sie halten Linux derzeit für nicht geeignet bei geschäftskritischen Anwendungen und verorten es höchstens am "Rand des Rechenzentrums": 66 Prozent für Firewalls, 53 für Webserver und 44 Prozent für Intranet-Server scheinen das zu bestätigen. Aber immerhin 19 Prozent setzen Linux als Grundlage ihrer Datenbank-Server ein und 14 Prozent betreiben bereits ERP-Anwendungen wie SAP darauf.
Meta Group erwartet in diesem Bereich einen starken Anstieg. In Rechenzentren konnte Linux bisher tatsächlich kaum Einzug halten: nur drei Prozent Anteil. Hier sind vor allem die psychologischen Hürden bei den Verantwortlichen sehr hoch. Immerhin ist bis 2007 ein Anstieg auf elf Prozent zu erwarten.
Relativ gesehen konnte Linux zwar in der Vergangenheit hinzugewinnen - ein Trend, der sich laut übereinstimmender Meinung der Marktforscher fortsetzen wird. Die absoluten Zahlen aber zeigen, dass die IT-Krise auch hier keine Ausnahme macht: Laut IDC sanken die Umsätze schon von 2000 auf 2001 um fünf Prozent, nur Microsoft konnte in dieser Zeit an Umsatz zulegen.
Die Erhebungen berücksichtigen jedoch nur den Verkauf von Lizenzen, eine im Linux-Bereich kaum aussagekräftige Größe. Bei IDC glaubt man aber, dass die Hersteller immer mehr Anwender dazu zwingen, jedes Linux-Paket nur einmal zu installieren, sodass derartige Aussagen in Zukunft wahrscheinlich ein besseres Bild geben werden.