Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 01/2003

Die monatliche GNU-Kolumne

Brave GNU World

Diese Kolumne berichtet über aktuelle Entwicklungen innerhalb des GNU Projekts und versucht, Einblicke in die zugrunde liegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: Preview-Latex, Lire, GNU Source Highlight, Ksrc2html, freie Software in Asien.

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Willkommen zu einer weiteren Ausgabe der Brave GNU World. Textverarbeitungsprogramme werden schon von Einsteigern oft und gern benutzt, das erste Projekt in dieser Ausgabe gehört in diese Kategorie.

Der Einstieg: Preview-Latex

Die Geschichte von Tex und damit auch die von Latex [5] geht auf Donald E. Knuth zurück - sicherlich einer der wichtigsten Köpfe der Informatik. Das Satzprogramm hat sich vor allem im wissenschaftlichen Bereich und bei Anwendern mit starkem technischen Bezug gut etabliert.

Seine Stärke ist, dass sich der Autor eines Textes auf den Inhalt konzentrieren kann und sich nicht mit Fragen der Darstellung befassen muss. Auch beim Satz mathematischer Formeln praktisch beliebiger Komplexität ist Latex unübertroffen. Es funktioniert als eine Art Programmiersprache für Dokumente. Ähnlich HTML schreibt der Verfasser die Formatierungsanweisungen direkt in das Textdokument hinein. Wer mit dem Computer nicht so vertraut ist, mag das schwierig oder umständlich finden, aus diesem Grund haben sich auf dem Markt auch inzwischen die so genannten Wysiwyg-Programme (What you see is what you get) durchgesetzt.

Per Wysiwyg trennt der Autor Texteingabe und Textformatierung voneinander. Das bringt Vorteile bei Layout-lastigen Dokumenten. Alle gebräuchlichen Office-Pakete arbeiten nach diesem Prinzip. Um die Vorteile beider Ansätze zu vereinen, erlauben manche Programme die Texteingabe auf Wysiwyg-Basis und formen daraus eine Latex-Datei. Beispiele sind Lyx [6] oder der in Ausgabe 30 der Brave GNU World [7] vorgestellte Texmacs [8].

Das bedeutet aber ähnlich wie bei herkömmlichen Office-Paketen eine zusätzliche Schicht zwischen Nutzer und Latex-Dokument, die den Zugriff auf einige Latex-Funktionen erschwert oder sogar unmöglich macht. Ein - manchmal nötiges - weiteres Zwischenformat erschwert außerdem langfristig die Pflege des Dokuments.

Daneben geht häufig ein weiterer Vorteil von Latex verloren, der dem Wysiwyg-Paradigma widerspricht: Durch den Ansatz als Programmiersprache können in Latex-Dokumente Kommentare eingefügt werden, die nicht in der Ausgabe erscheinen, aber bei Weiterentwicklung und Pflege hilfreich sein können.

Abbildung 1: Anspruchsvoller Notensatz mit Preview-Latex, einer Wysiwyg-Umgebung für Emacs und XEmacs.

Preview-Latex für Emacs

Um Einsteigern und Profis das Leben mit Latex zu erleichtern, ohne dabei auf dessen Vorteile verzichten zu müssen, hat David Kastrup das Preview-Latex-Projekt [9] gestartet. Preview-Latex ist ein Paket für die Editoren GNU Emacs und XEmacs, das in deren jeweiliger AUC-Tex-Umgebung ein Wysiwyg-Feedback einbettet (Abbildungen 1 und 2).

Der Großteil der Arbeit an Dokumenten ist noch immer das Schreiben selbst, für das mit dem Emacs ein sehr mächtiges Werkzeug mit vielen Hilfsmitteln zur Verfügung steht. Gleichzeitig können jedoch komplexere Elemente wie mathematische Formeln, nicht-lateinische Schriften, Schach- und Go-Bretter, musikalische Notenblätter oder Grafiken direkt im Editor dargestellt werden.

Da Preview-Latex keine Änderungen am reinen Latex-Code erfordert oder vornimmt, steht das volle Spektrum von Latex zur Verfügung. Arbeiten mehrere Autoren an einem Dokument, beeinflusst der Einsatz der Preview-Ausgabe bei einem Autor die anderen nicht.

Seinen Ursprung fand das Projekt etwa vor einem Jahr als reine Selbsthilfe für die Doktorarbeit von David Kastrup. Er stellte, nachdem er das Projekt als freie Software unter der GNU General Public License (GPL) veröffentlichte, ein beträchtliches Interesse an seinem Projekt fest. Schnell fanden sich sechs weitere Entwickler, von denen Alan Shutko, Jan-ke Larsson und Nick Alcock sich besonders hervorgetan haben.

Alan Shutko steuerte die Autoconf-Unterstützung bei, Jan-ke Larsson hat wesentlich zur Dokumentation und zur Verpackung als RPM beigetragen und arbeitet momentan an einem Daemon, der die Darstellung beschleunigen soll. Nick Alcock ist Hauptverantwortlicher für die XEmacs-Portierung und fürs Debugging. Geschrieben wurde Preview-Latex übrigens in Tex-Macros, ein bisschen Postscript und viel Glue-Code in Emacs-LISP. Die künftigen Elemente sollen allerdings aus Geschwindigkeitsgründen auf C zurückgreifen.

Zu den größten Vorteilen zählt David Kastrup, dass Preview-Latex sehr unaufdringlich ist. Es wird nur auf Anforderung aktiv und dank des intuitiven Interface müssen sich die Benutzer auch nicht lange mit der Dokumentation aufhalten. Zudem ist es bereits stark optimiert und die Ansprechzeit ist auch bei großen Dokumenten auf mittelmäßiger Hardware akzeptabel.

Probleme bereiten aber noch größere grafische Segmente, da diese sowohl im GNU Emacs als auch im XEmacs für den Nutzer nicht besonders angenehm gehandhabt werden können. So sucht das Projekt auch noch weitere Freiwillige, die dabei helfen, sowohl auf Seite von Preview-Latex wie auch auf Seite der Emacs-Editoren das Projekt voranzutreiben. Gerade beim GNU Emacs auf Windows oder Macintosh ist hier noch einige Arbeit zu leisten.

Für technisch Versierte gibt es also viele Möglichkeiten, ihr Können einzubringen. Ich hoffe allerdings auch die normalen Nutzer motiviert zu haben, einen Blick auf Preview-Latex zu werfen - ohne sich von Umstellungsschwierigkeiten abschrecken zu lassen.

Wer sich für einen gründlichen Überblick über dieses Feld interessiert, dem sei an dieser Stelle noch ein Dokument von David Kastrup empfohlen [10], das er im Rahmen seiner Arbeit an Preview-Latex erstellt hat.

Abbildung 2: Auch mathematische Formeln sind kein Problem für Latex-Preview.

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