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Linux-Magazin 12/2002

United Linux weltweit - Conectiva und Turbolinux

World Wide Linux

Gelebte Globalisierung: SuSE entwickelt und ist für Europa zuständig, SCO für Nordamerika. Die weniger bekannten Teilnehmer von United Linux aus Südamerika und Asien sind Conectiva und Turbolinux.

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Die vier Mitglieder von United Linux verteilen sich geographisch auf die wichtigsten Wirtschaftsregionen der Erde: Das in SCO um- oder zurückbenannte Caldera hat seine Ursprünge und die stärkste Bekanntheit in den USA, SuSE ist sicherer Marktführer in Deutschland und im übrigen Europa stark, Conectiva aus Brasilien konzentriert sich mit Portugiesisch und Spanisch auf Südamerika und Turbolinux ist in Fernost präsent.

Nachdem das US-Geschäft von SuSE nur noch auf Sparflamme kocht, ist Europa die einzige Region, wo sich zwei United-Linux-Mitglieder ins Gehege kommen könnten - theoretisch. Denn SCO konzentriert sich unter neuer Führung wieder stärker auf die proprietären Unices Unixware und Open Server. Diese haben einen Anteil von etwa 90 Prozent des Gesamtumsatzes. Eine Konkurrenz ist also eher zwischen SCO Open Server und SuSE-Server-Versionen denkbar als zwischen zwei "United Linux powered"-Systemen dieser Hersteller.

Latino-Linux aus Curitiba

Das 1995 in der brasilianischen Stadt Curitiba gegründete Unternehmen Conectiva hat fünf Niederlassungen in Brasilien und je eine in Peru und Kolumbien. Zu den Kunden gehören einige brasilianische Banken und Behörden.

Wie SuSE oder Red Hat beschäftigt auch Conectiva einige wichtige Kernel-Hacker. Die prominentesten sind Rik van Riel und natürlich Marcello Tosati, der 19jährige Maintainer des 2.4er Kernels. Ein ambitioniertes Projekt unter der Ägide von Conectiva ist eine Apt-Version für RPM-Pakete, um die Vorteile von Debians Update-Mechanismus mit der großen Verbreitung von RPM zu kombinieren. Die letzte Version von Apt-RPM ist aber bereits ein Jahr alt, ebenso wie die aktuelle Distribution mit der Versionsnummer 7.0. Insofern bietet United Linux auch einen kurzfristigen Vorteil für die Brasilianer.

Turbolinux - Big in Japan

Turbolinux hingegen hat beim Erscheinen dieses Heftes bereits Version 8.0 veröffentlicht, gut drei Wochen vor dem geplanten Launch von United Linux 1.0 und deshalb noch als komplett eigenständiges Release. Auf den internationalen Websites war davon bis vor Kurzem nicht viel zu sehen, die japanischen und chinesischen Sites sind aktueller.

Mit dem Gründungsjahr 1992 ist Turbolinux eines der ältesten Linux-Unternehmen. Die Asiaten haben ebenso wie SuSE starke Verbindungen zu IBM und haben für alle Plattformen von IBMs E-Servern ein Linux parat, wenn auch nicht immer das allerneueste.

Abbildung 1: Die japanische Website von Turbolinux ist deutlich aktueller als die internationale Version

Auf dem Höhepunkt der Dotcom-Euphorie war die Firma Liebling der Venture-Kapitalisten und hat darum eine entsprechend turbulente Geschichte. Allein im Jahr 2000 flossen insgesamt 87 Millionen Dollar Wagniskapital in die Firma, sie expandierte unter anderem nach Europa und eröffnete weltweit zahlreiche Niederlassungen. Ein Gang an die Börse schien ganz kurz bevorzustehen.

Innerhalb von Jahresfrist waren aber die meisten Niederlassungen wieder geschlossen. Häufige Wechsel des Managements gingen mit immer wieder anderen Firmenstrategien einher. Die Gründer Jeff und Iris Miller hatten das Unternehmen schon im Jahr 2000 verlassen.

Im Sommer 2001 schien eine Fusion mit dem ebenfalls schon stark angeschlagenen Dienstleister Linuxcare unmittelbar bevorzustehen, selbst Personalentscheidungen wurden bereits an die Presse gegeben. Im letzten Moment scheiterte jedoch die Vereinigung. Die Überlebenschancen sanken.

Eine der Konstanten in der wechselvollen Geschichte von Turbolinux ist die starke Ausrichtung auf den fernöstlichen Markt, anfangs in Japan, später China. Diese führte dazu, dass schließlich im Jahre 2002 das japanische Unternehmen SRA Turbolinux aufkaufte und in China sowie Korea Joint Ventures gründete. SRA (Software Research Assosiates) ist ein über 35 Jahre altes Systemhaus mit starken Verbindungen zur freien Software. Unter anderem beschäftigt das Unternehmen den PostgreSQL-Kernentwickler Tatsuo Ishii.

Ob die unterschiedlichen Mitglieder von United Linux zum Wohle ihres Produktes zusammen finden und wer sich dabei noch einklinken wird, ist reichlich Stoff für spätere Stories.

Interview mit Paula Hunter

Paula Hunter ist seit September General Manager von United Linux. Wir sprachen mit ihr über die Zukunft von United Linux.

Linux-Magazin: Frau Hunter, eine Ihrer wichtigsten Aufgaben ist es, Die United-Linux-Initiative zu fördern und neue Mitglieder zu finden. Wie kommen Sie voran?

Paula Hunter: Wir kommen sehr gut voran. Die Arbeit an der Struktur und den rechtlichen Dingen ist abgeschlossen, potenzielle Partner sind gebrieft. Wir werden diese mitteilen, sobald die Geschäftsbeziehungen stehen.

Linux-Magazin: Könnte Sun ein Teilnehmer werden, immerhin haben die jetzt eine eigene Linux-Distrribution. Oder was ist mit Firmen aus dem Bereich Embedded Linux?

Paula Hunter: Wir haben für alle diese Unternehen Mechanismen, damit sie sich beteiligen können.

Linux-Magazin: Linux-Programme werden sowohl in der freien Entwicklergemeinde als auch in Firmen entwickelt. Für beide ist es wichtig, in Übereinstimmung mit United Linux zu entwickeln. Wird eine Test-Suite frei erhältich sein?

Paula Hunter: Unsere Gründungsmitglieder haben Test-Suites, die für United Linux anwendbar sind. Diese werden innerhalb der Programme verfügbar, welche die Mitglieder derzeit anbieten. Wir erwarten hier aber im Laufe der Zeit noch Verbesserungen.

Linux-Magazin: Wird es ein Zertifizierungsprogramm für Hardware- und Softwarehersteller direkt von United Linux geben, oder bleibt das den Mitgliedern überlassen?

Paula Hunter: Phase Eins des Programms ist schon im Gang. Hardware- und Softwarehersteller kooperieren direkt mit den United-Linux-Mitgliedern beim Test der Beta-Versionen, das wird sich nach er Veröffentlichung fortsetzen. Es gibt koordinierte Bemühungen, die Hersteller bei der Zeritifizierung zu unterstützen.

Linux-Magazin: Wird es auch Zertifizierungen für Techniker geben, ähnlich dem RHCE?

Paula Hunter: Ja, weitere Details werden in Kürze bekanntgegeben.

Linux-Magazin: Wie viele Angestellte hat United Linux?

Paula Hunter: Neben mir selbst nehmen wir die Dienste von Virtual Inc. aus Wakefield in Massachusetts in Anspruch. Die Angestellten von Virtual unterstützen uns bei der Medienarbeit, finanziellen und rechlichen Dingen sowie bei allgemeinen Geschäftsangelegenheiten. Außerdem können wir auf die Kapazitäten von über 500 Profis aus der Technik, dem Marketing und Business zurückgreifen, die bei unseren vier Mitgliedsfirmen arbeiten.

Linux-Magazin: Was tragen SCO, Conectiva und Turbolinux bei? Wie hoch ist deren Anteil im Vergleich zu SuSE?

Paula Hunter: Alle unsere Partner leisten den gleichen Anteil zu United Linux. Die Beiträge können entweder aus der Bereitstellung von Mitarbeitern oder von Finanzmitteln bestehen. Der Mix richtet sich nach den Anforderungen und dem Typ der Projekte, an denen wir arbeiten.

Linux-Magazin: Wir danken für das Gespräch.

Info

[1] United Linux: [www.unitedlinux.com]

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