Open Source im professionellen Einsatz

Linux-Kongress 2002 in Köln

Kern-Kompetenz

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Clustering, Kernel, Netzwerke, Security - der Linux-Kongress behauptet sich als eine der wichtigsten Veranstaltungen Europas für Linux-Entwickler, Enthusiasten und Profis.

Linux-Kongress, das heißt Kernelhacker treffen auf Netzwerkprofis und interessierte Anwender. Sie halten Vorträge, diskutieren aktuelle Themen, fällen Entscheidungen - oder unterhalten sich ungezwungen und tauschen Erfahrungen aus. Auch dieses Jahr fanden sich viele prominente Namen im Vortragsprogramm, etwa Kernel-2.4-Maintainer Marcelo Tosatti. Ext-2-Guru Ted T'so war ebenfalls auf dem Kongress, obwohl er keinen Vortrag hielt.

Nach bewährtem Konzept begann die Veranstaltung am 4. September mit einem Tag für Tutorien, die mit knapp 250 Teilnehmern sehr gut angenommen wurden. Es folgten zwei Tage Kongress, eine kleine Ausstellung von Open-Source-Projekten und einigen Firmen.

Die Frauen unter den 400 Teilnehmern ließen sich an zwei Händen abzählen, obwohl sich einige Linuxerinnen im Organisationsteam befanden. Die Kongressatmosphäre entsprach dem akademischen Umfeld der gastgebenden Universität - passend zum hohen technischen Anspruch, den der Linux-Kongress an sich selbst stellt.

Neu war der Untertitel "9th International Linux System Technology Conference". Er bringt auf den Punkt, was der Klassiker unter den Linux-Veranstaltungen schon immer war: Eine Konferenz, die technisch Interessierte für Einblicke in wichtige Open-Source-Entwicklungen im Linux-Umfeld nutzen und die Entwickler zum persönlichen Erfahrungsaustausch unter Kollegen. Obwohl 80 Prozent der Teilnehmer aus Deutschland kamen, war der Kongress tatsächlich international ausgerichtet.

Die Keynote von "Wunder-Pinguin" Marcelo Tosatti zum Thema "Linux in Lateinamerika" passte da gut ins Bild. So mancher Linuxer der ersten Stunde fühlte sich von Marcelos rührendem Kampf gegen die Präsentationstechnik und die Kongresssprache Englisch ein wenig wehmütig an die Zeiten erinnert, als "wir alle noch Amateure waren".

Abbildung 1: Harald König (rechts) vom XFree86-Projekt zu Besuch am Stand von Linuxprinting.org. Auf der Ausstellung zum Kongress waren freie Projekte, aber auch einige Unternehmen vertreten.

Abbildung 1: Harald König (rechts) vom XFree86-Projekt zu Besuch am Stand von Linuxprinting.org. Auf der Ausstellung zum Kongress waren freie Projekte, aber auch einige Unternehmen vertreten.

Wenig Desktop, viel Kernel

Desktop-Themen spielten dieses Jahr kaum noch eine Rolle - vor vier Jahren, als der Linux-Kongress zuletzt in Köln stattfand, war der Desktop-Streit zwischen KDE und Gnome noch das beherrschende Thema. Nur zwei Vorträge beschäftigten sich diesmal mit Linux auf dem Desktop. Marcus Meissner gab einen Überblick über das Wine-Projekt und betonte die wachsende Bedeutung des Windows-Emulators bei der Migration von Windows- auf Linux-Desktops. Er wagte die Prognose, in etwa einem Jahr mit Version 1.0 aufwarten zu können. Keine allzu große Hoffnung sollten die User jedoch in eine Weiterentwicklung des Projekts in Richtung Dotnet setzen: Falls dies jemals ein Thema würde, sei frühestens in fünf Jahren mit konkreten Ergebnissen zu rechnen.

Innovativ zeigte sich das zweite Desktop-nahe Projekt, der Media Application Server (MAS) für X11[2]. Leon Shiman und Mike Andrews weckten in ihrem Vortrag und mit der Standpräsentation die Hoffnung, dass Sound und Multimedia mit X11 bald nicht mehr eine Frage der darüber liegenden Desktop-Umgebung sind. Geplant ist die Integration des unter der MIT-Lizenz stehenden MAS in X11R6.7, dessen Release etwa im März 2003 zu erwarten sei.

Bei den Kernel-nahen Themen war Clustering ein zentraler Punkt. Eine Reihe von Vorträgen beleuchtete verschiedene Ansätze: Moshe Bar berichtete über OpenMOSIX, der erfolgreichen GPL-Variante von Mosix. Beim Vortrag von Fábio OlivŽ Leite entwickelte sich eine rege fachliche Diskussion, ob sein Konzept eines HA-Clusters ohne Single Point of Failure überhaupt tragfähig ist: Es sieht vor, alle Pakete per Multicast an alle Clusterknoten zu senden und dort Ip-tables zu nutzen, um die Verbindungen auseinander zu halten. Auch bei Philipp Reisners Vortrag zur neuen Version von DRBD (Distributed Replicated Block Device) gab es viel Kommunikation zwischen Publikum und Vortragendem.

Abbildung 2: Jos Visser (rechts) hatte interessante und amüsante Fragen an die Teilnehmer seines "Komplete Konfusion Kuiz". In der ersten Runde dabei: Lars Marowsky-BrŽe, Ted T'so, Brad Hards und Marcelo Tosatti.

Abbildung 2: Jos Visser (rechts) hatte interessante und amüsante Fragen an die Teilnehmer seines "Komplete Konfusion Kuiz". In der ersten Runde dabei: Lars Marowsky-BrŽe, Ted T'so, Brad Hards und Marcelo Tosatti.

Netzwerke und Sicherheit

Firewalls sind heute kein Standard. Man könnte daher erwarten, dass sich auf dem Gebiet nichts Grundlegendes ändert. Bisher brachte dennoch jede neue Major Release des Linux-Kernels ein neues Firewallingsystem mit sich. Kernel 2.6 wird diese Tradition fortsetzten - es handelt sich aber vor allem um eine Weiterentwicklung und Modularisierung. Harald Welte führte in seinem Vortrag zur Zukunft des Linux-Paketfilters viele gute Gründe für den erneuten Bruch an. Am Ende hatte er die Zuhörer überzeugt.

Üblicherweise ist eine Firewall als Router implementiert. Wer nachträglich eine Firewall in ein Netz einfügen will ohne das Routing zu ändern, sollte einen Blick auf Bridgewalling werfen[3]. Ralf Spenneberg erklärte in seinem Vortrag, wie Linux als leistungsfähige Bridge arbeiten kann, die alle Paketfilterregeln von Netfilter anwendet.

Kurzweilig und dennoch überzeugend war Olaf Kirchs Beitrag zu "Linux and Security": Wird eine Software sicherer oder unsicherer, wenn die Quellen offen gelegt werden? Die Antwort ist jedem Linux-Fan klar. Olaf konnte diese Überzeugung mit guten Argumenten und einigen Statistiken untermauern - Open Source hat offensichtliche Vorteile für die Sicherheit eines Produkts.

Abbildung 3: Ralf Spenneberg (links) und Olaf Kirch (zweiter von links) während einer Umbaupause in einem der Uni-Hörsäle am Linux-Kongress.

Abbildung 3: Ralf Spenneberg (links) und Olaf Kirch (zweiter von links) während einer Umbaupause in einem der Uni-Hörsäle am Linux-Kongress.

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