Open Source im professionellen Einsatz

Freie Software zwischen Privat- und Gemeineigentum

Tux liest

Volker Grassmucks Buch über freie Software hält mehr, als der Titel verspricht. Es behandelt nicht nur die Historie von Unix, GNU, Internet und Linux, sondern wartet außerdem mit einer enormen Faktenfülle zum Thema "Austausch von Informationen im Laufe der Zeit" auf.

Der vollständige Titel des Buchs lautet "Freie Software zwischen Privat- und Gemeineigentum". Damit ist schon ein großer Teil des Anspruchs abgesteckt, den der Autor an sich selbst stellt und dem er - so viel sei vorab gleich verraten - erstaunlich gerecht wird. Grassmuck ist Soziologe mit einer ausgeprägten Affinität zu Computerthemen, die bis in die 70er Jahre zurückreicht. In der Linux-Community wurde er 1999 als Organisator der Konferenz "Wizards of OS" in Berlin bekannt. Das Thema von damals, freie Software in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft, ist auch das Thema des vorliegenden Buchs.

Grassmucks zentraler Begriff ist die Wissens-Allmende. Allmende war im Mittelalter und darüber hinaus der allen Mitgliedern einer Dorfgemeinschaft gemeinsam gehörende Grund und Boden, der gemeinsam bewirtschaftet wurde. Der Autor überträgt den Gedanken einer der Gemeinschaft gehörenden und gleichberechtigt genutzten Ressource auf das Wissen im Allgemeinen und Software im Speziellen. Nutzer freier Software sind demnach Allmendgenossen.

Dieser theoretische Ansatz ist zwar als roter Faden immer präsent, schiebt sich aber nie aufdringlich visionär in den Vordergrund. Das ist der größte Vorteil des Buchs. Auch wer sich nicht auf die Überzeugungen des Autors einlassen möchte, kann es mit großem Gewinn lesen. Gelingt es ihm doch, das Prinzip, die Fakten und Zusammenhänge so darzustellen, dass der Leser unweigerlich in seinen Bann gezogen wird.

Die Wissens-Allmende als roter Faden

Das gilt vor allem für den ersten Teil: Die rechtliche Ordnung des Wissens. Dieser Teil, der fast die Hälfte des mehr als 400 Seiten umfassenden Buchs ausmacht, zeichnet sich durch eine enorme Faktenfülle zur Geschichte des so genannten geistigen Eigentums und insbesondere des Urheberrechts und des Copyrights aus. Zusammengehalten und strukturiert wird dieser Faktenwust durch die Dichotomie einer immer stärkeren Einzäunung von Informationen durch Eigentumsrechte einerseits und den Drang der Information frei zu sein andererseits. Dieser Freiheitsdrang spiegelt sich heute vor allem in der Informationsflut des Internets wider.

Grassmuck beruft sich vor allem auf die Thesen des Karlsruher Philosophen Helmut Spinner sowie des Rechtswissenschaftlers Lawrence Lessig vom MIT und setzt sich mit der historischen Entwicklung des Begriffs vom geistigen Eigentum und des Schutzes der Urheberrechte auseinander. Das beginnt bei den Privilegien englischer Drucker während der Renaissance und endet mit dem Dickicht von Organisationen, Gremien und Gesetzesvorlagen des beginnenden 21. Jahrhunderts, gewissermaßen von TRIPS über WIPO bis zu UCITA.

Breiten Raum widmet der Autor den technische Möglichkeiten, den Urheberrechtsschutz zu umgehen, und dem bisher stets vergeblichen Kampf der Rechteverwerter gegen diese Techniken.

Im zweiten Teil geht dem Autor der rote Faden leider etwas verloren. Ausnahmen sind die sehr sorgfältigen Analysen der GPL und LGPL. Die Vorstellung der Vorteile freier Software jedoch gerät zu einer bloßen Aufzählung einzelner Aspekte ohne ordnende zentrale Idee. Unterlegt ist das Ganze mit vielen langen Zitaten aus Gesprächen anlässlich der "Wizards of OS"-Konferenz in Berlin. Wohl unbeabsichtigt bekommen so etwa 100 Seiten des Buchs den Charakter einer Momentaufnahme des euphorischen Jahres 1999.

Momentaufnahmen der Euphorie

Auch der vom Autor angestrebte modulare Aufbau des Buchs zeigt seine Schattenseiten: Zwar kann der Leser fast an jedem Punkt in die Lektüre einsteigen, wer aber altmodisch von vorn nach hinten liest, stolpert über zahlreiche Wiederholungen.

Trotz dieser Wermutstropfen ist Grassmucks Buch das bisher wichtigste Werk zu freier Software in deutscher Sprache - und zudem so frei wie Freibier. Herausgeber ist die Bundeszentrale für politische Bildung, von der es kostenlos bezogen werden kann. Ganz im Sinne seines Themas ist das Buch kein abgeschlossenes Projekt, das allein dem Autor gehört. Auf der Webseite kann jeder während oder nach der Lektüre daran weiterschreiben, also etwas zur Wissens-Allmende beisteuern.

Info

Volker Grassmuck:

"Freie Software zwischen Privat- und Gemeineigentum"

Herausgegeben von der Bundeszentrale für politische Bildung

ISBN 3-89331 432-6

[http://freie-software.bpb.de]

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