Mit einem Paukenschlag oder nur mit Gequietsche - raus ist es jedenfalls: Microsoft stellt den Sourcecode der Dotnet-Laufzeitumgebung für FreeBSD zum Download bereit[1]. Kostenlos, unter der Shared-Source-Lizenz, mit C#-Compiler. Ausgesprochen wird C# "C sharp", auf Deutsch: Cis, der höchste Ton der Tonleiter um einen Halbton erhöht. Das nenne ich Marketing.
Die Shared-Source-Initiative ist laut Hersteller der ausgewogene Mittelweg zwischen der Verbreitung von Sourcen und dem Schutz geistigen Eigentums. Bei aufmerksamen Beobachtern drängen sich aber zwei Fragen auf:
- Warum gibt Microsoft plötzlich die heiligen Quellen frei?
- Warum ist es so wichtig, geistiges Eigentum zu schützen?
Frage Nummer zwei beantwortet der Konzern selbst: Dies sei notwendig, um sich als Softwarefirma am Markt behaupten zu können. Der Umkehrschluss liegt nahe: Communities oder Firmen, die dies nicht tun, stehen kurz vor dem Aus. Oder sie werkeln in einem Elfenbeinturm vor sich hin, in dem es Widrigkeiten wie Konkurrenz nicht gibt. Beide Varianten sind für echte Profis harmlos. Sie stinken aber nach Anarchie.
Die erste Frage ist schwieriger zu beantworten. Shaun Bangay, ein Informatikprofessor aus Südafrika, brachte Dotnet unter Red Hat 7.3 zum Laufen - also bin auch ich dem Link zur MS-Download-Seite gefolgt. Mit spitzen Fingern und jederzeit darauf gefasst, Name, Vorname, Schuhgröße und Menstruationszyklus angeben zu müssen.
Dem war jedoch nicht so. Die 12 MByte große Beta-Release hätte sich problemlos überspielen lassen, wenn ich nicht nach 5933076 Bytes abgehängt worden wäre. Leute, die des öfteren MS-Software benötigen, kennen diese Probleme[2]. Bereits die vorhandene, 6 MByte große ».tgz«-Datei enthielt Sourcen, die für drei Jahre Sichtung ausgereicht hätten.
Ändern verboten?
Jedes der ».cpp«- und ».cs«-Module beginnt mit dem Hinweis, dass es strengstens verboten ist, die Copyright-Notiz oder andere Vermerke zu löschen. Üblicherweise halte ich mich nicht damit auf, wertvolle Inline-Kommentare zu beseitigen. Plötzlich aber brannte eine schier unstillbare Neugier in mir: Was würde mir Grauenvolles zustoßen, wenn ich es trotzdem täte?
Wenn ich so gestrickt bin, dann sind es andere wohl auch. Möchte Microsoft mit den ständigen Verboten das Gegenteil des scheinbar Naheliegenden erreichen? Dass sich alle Welt in die Sourcen vertieft, um beliebig viele erlaubte und unerlaubte Änderungen vorzunehmen? Immerhin müssten sich die Täter dazu in C# und in Dotnet einarbeiten. Daher zwei Warnungen: Nur die nicht-kommerzielle Verwendung in Lehre und Forschung sowie privates Experimentieren sind erlaubt. Jede Weitergabe, ob verändert oder nicht, ist verboten[3], sofern kommerzielle Verwendung nicht ausgeschlossen werden kann. Zudem verhindert der Umfang ein schnelles Verstehen: 580000 Zeilen C-Code, 320000 Zeilen Header und 660000 Zeilen C#[2].
Have (a lot of) fun, aber diesmal doch lieber ohne mich. (fjl)
Die Autorin
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Rita Ortenburger arbeitet seit einigen Jahren als Programmiererin mit unterschiedlichen Sprachen (C, C++, Java ...) und auf wechselnden Plattformen (Unix, Linux, NT). Seit dem letzten Jahrzehnt zählt sie zu den Freischaffenden dieser Branche.
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