Open Source im professionellen Einsatz

Schweizer Kampagne für freie Software

Helvetische Eigenarten

Es rührt sich was im Land der Schweizer. Mit Wilhelm Tux haben Anhänger freier Software ein Pendant zum deutschen Bundestux ins Leben gerufen. Ein Mitglied der Gruppe berichtet.

Seit wir Schweizer die erste funktionierende Demokratie in Europa eingeführt haben, ist von uns wenig Neues gekommen. Da das Land seit 1291 damit beschäftigt ist, sein ganz eigenes Staatsverständnis zu verteidigen, neigt die Bevölkerung ein wenig dazu, etwas eigenbrötlerische Wege zu gehen. Die Kreativität beschränkt sich heute zwar nicht allein auf die Schaffung freiheitlicher Staatssysteme und köstlicher Schokoladenerzeugnisse, aber die neueste Errungenschaft haben wir bei unseren Nachbarn abgeschaut: den Bundestux. Ganz im GPL-Stil.

Mit großem Interesse verfolgten wir das Schauspiel um die Informationstechnologie des deutschen Bundestages. In der Schweiz wird nur der Beitritt zur Europäischen Union mit ähnlicher Vehemenz diskutiert und lobbyiert. Im Gegensatz zu unseren EU-Befürwortern erzielte Bundestux jedoch einen Erfolg, den man bis ins letzte Alpental gehört hat. Die basisdemokratische Gesinnung der Eidgenossen spielte natürlich bei der Namesgebung der neuen Bewegung ein Rolle: Für Herrn und Frau Schweizer gibt es eine Integrationsfigur, die unser multilinguales Staatsgebilde zusammenhält: Wilhelm Tell, der ureigene, mythische Nationalheld. Die Kampagne konnte also nur Wilhelm Tux heißen.

Die Schweiz funktioniert nach dem Prinzip "Wir machen alles zusammen, aber jeder für sich". Jeder Kanton hat eine unabhängige Regierung mit der zugehörigen Verwaltung und selbstverständlich auch eigener Software. Wenn die 26 Polizeibehörden gemeinsam einen Verbrecher fangen müssen, wird per Fax kommuniziert. Elektronische Kommunikation scheitert an Inkompatibilität. So wird der Föderalismus bis in die letzte Konsequenz umgesetzt.

Föderal bis ins Mark

Eine Kampagne für freie Software muss in solchem Umfeld tiefer greifen als nur bis zu den Desktops der Parlamentarier. Wir brauchen in allen Institutionen offene Standards, um in zehn Jahren noch auf Daten zugreifen zu können.

Unsere direkte Demokratie mag ein wenig altertümlich erscheinen, aber die Volkssouveränität lässt sich nach eidgenössischem Selbstverständnis nicht an Parlamentarier delegieren. Alle Entscheide des Staates sind hierzulande grundsätzlich Sache der Bürger. Wenn die öffentliche Hand ihre Daten in zum Teil abenteuerlichen, proprietären Formaten speichert, wie soll der Bürger da Einblick erhalten?

Zentrales Anliegen von Wilhelm Tux ist also nachhaltige Transparenz. Was Staat ist, muss offen sein, für die Bürger nachvollziehbar und zugänglich. Für den Staat selbst bedeuten offene Quellen Transparenz. Die Verwaltung sensibler Daten ist nicht zuletzt auch eine Frage der Sicherheit. Wilhelm Tux möchte den Eidgenossen also klar machen, dass im Einsatz von Open-Source- Software nicht nur Sparpotenziale liegen, sondern dass durch Kosteneffizienz und Effektivität eine Modernisierung unserer Infrastruktur erst möglich wird.

Dialog mit der Regierung

Die Mitglieder der Bewegung setzen alles daran, dass Wilhelm Tux gehört wird und zum Umdenken bei unserer Bevölkerung, den Parlamentariern und Staatsdienern führt. Die Bundesregierung hat bereits einen Schritt auf die Wilhelm-Tux-Bewegung zu gemacht und die Mitglieder zu einem Workshop im September eingeladen, bei dem Standards für ein künftiges E-Government erarbeitet werden sollen. Viele haben auch auf der Website einen Aufruf unterzeichnet.

Es geht darum, ein deutliches Bekenntnis zu Open-Source-Software zu erreichen und in allen staatlichen Institutionen zum Standard zu machen. Wer weiß, vielleicht inspiriert die Wihelm-Tux-Bewegung auch andere europäische Nachbarn. (agr)

Infos

Webseite: [http://www.wilhelmtux.ch]

Mitglieder: 25 (rund 100 sind es auf der Mailingliste)

Anstoß: [http://www.lugbe.ch/mail/archiv/lugbe/msg01062.html]

Idee: [http://www.lugbe.ch/mail/archiv/lugbe/msg01065.html]

Name: [http://www.lugbe.ch/mail/archiv/lugbe/msg01066.html]

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