In diesem Jahr fand der Linuxtag zum ersten Mal in Karlsruhe statt, nachdem die Veranstalter von Kaiserslautern für zwei Jahre zunächst nach Stuttgart gewandert waren. Die Stadt Karlsruhe bietet mit einer aktiven Linux-Usergroup und einer renommierten Fakultät für Informatik ein ausgezeichnetes Umfeld für die Veranstaltung.
Das Messegelände liegt verhältnismäßig zentral (zehn Minuten vom Bahnhof entfernt) und bot in der Gartenhalle Platz für die Stände der Aussteller und in der Stadthalle für die Vortragsreihen. Zwischen beiden Orten liegt der große Messeplatz, der zum Sonnenbaden einlud. Trotz des ausgezeichneten Wetters herrschte aber in beiden Hallen ein angenehmes Mikroklima.
Abbildungen 1 und 2: Für die Aussteller fand der Linuxtag in der Gartenhalle (links) und für die Vorträge in der Stadthalle (rechts) statt.
Scalability am Frühstückstisch
Das Vortragsprogramm war nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam: Rik van Riel, einer der Kernel-Hacker, der in erster Linie am Memory-Management arbeitet, demonstrierte die Probleme, die auftauchen, wenn man will, dass der Linux-Kernel mit einem Mehr an Hardware funktioniert.
Zur Verdeutlichung der Probleme wählte Rik die Situation beim Frühstück: Wer sich Butter aufs Brot schmieren möchte, muss wissen, wo er die Butter findet. Liegt sie ganz nahe auf der eigenen Seite des Tisches, nimmt er sie einfach. Liegt sie auf der anderen Seite, muss er erst sein Gegenüber darum bitten (und warten, bis der gerade Zeit hat - vielleicht legt er sich gerade selbst eine Scheibe Käse auf die Stulle). Muss er erst aufstehen, in die Küche laufen und den Kühlschrank öffnen, dauert's noch länger. Richtig umständlich wird's, wenn er erst zum Supermarkt laufen muss, um Butter zu kaufen.
Bei Disk-Zugriffen wird der Ablauf vollends absurd, denn welchen Sinn sollte es haben, sich die Frühstücksbutter aus einem Ort zu holen, der 100000-mal weiter weg ist als der Supermarkt, womöglich aus Alaska? Bis dahin ist nicht nur das Abendessen längst verdaut. Da Prozessoren in Zyklen arbeiten, sieht das ungefähr so aus: CPU-Register: diese Seite des Tisches (ein Zyklus); First-Level-Cache: die andere Tischseite (drei Zyklen); Second-Level-Cache: der Kühlschrank in der Küche (25 Zyklen); RAM: Supermarkt an der Ecke (2000 bis 4000 Zyklen); Disk: irgendwo in Alaska (100000 Zyklen).
Drehstuhl-Interface
Axel Köhler, Polizeioberrat bei der niedersächsischen Polizei [http://www.polizei.niedersachsen.de], war einer der Referenten, die in ihren Vorträgen über den Einsatz des freien Betriebssystems in Verwaltung und Behörden berichteten. Uneinheitliche Standards, unterschiedliche Systeme und veraltete Hard- und Software erschweren derzeit die Arbeit der Beamten in Niedersachsen ganz erheblich. So müssen die Polizisten mittels Drehstuhl-Interface - also dem Rotieren zwischen zwei PCs - zwischen den Systemen, mit denen gearbeitet wird, hin und her schalten.
Künftig soll Linux bei der Verbrecherjagd helfen. Dazu wird das Netzwerk von Grund auf restauriert, 11600 Arbeitsplätze erhalten neue Software. Gesamtvolumen der Investitionen: 165 Millionen Euro.
Auch der Bund scheute vor und während der Messe starke Worte nicht. Die Staatssekretärin im Bundesministerium des Inneren (BMI) [http://www.bmi.bund.de], Brigitte Zypries: "In den Jahren 2003 und 2004 steht eine Migrationswelle in der öffentlichen Verwaltung bevor, da bisherige Kooperationen mit anderen Herstellen dann auslaufen."
Auch das Bundesverkehrsministerium [http://www.bmvbw.de] will mitziehen und seinen ganzen Geschäftsbereich auf Linux umstellen. Das sind bundesweit immerhin etwa 18000 Arbeitsplätze, unter anderem die des Kraftfahrtbundesamts in Flensburg, bei dem das Verkehrszentralregister geführt wird.
Das BMI wird künftig - unter dem Einsatz zusätzlicher finanzieller und personeller Mittel - die Nutzung freier Software in der öffentlichen Verwaltung fördern. Nicht nur zu diesem Zweck steht das BMI derzeit im Erfahrungsaustausch mit Linux-Anwendern aus der öffentlichen Verwaltung.
Die Bundesverwaltung plant auf Open-Source-Software umzusteigen. In einem Pilotprojekt stellen einzelne Verwaltungseinheiten ihre EDV um, darunter das Bundeskartellamt, das Justizministerium und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Ein Bestandteil des Projekts umfasst sogar Desktop-Lösungen. Die Ergebnisse aus dem Projekt sollen Ende des Jahres veröffentlicht werden.
Verschiedene Stimmen aus der Verwaltung hatten immer wieder eine eigene Linux-Behördendistribution vorgeschlagen, standardisiert und BSI-zertifiziert sollte sie sein. Die Referentin erklärte die grundsätzliche Bereitschaft. An Entwicklungen in dieser Richtung werde zwar gedacht, aber derzeit sei keine Entscheidung für oder gegen eine verwaltungseigene Distribution zu treffen.
Abbildung 3: Staatssekretärin Zypries auf Augenhöhe mit dem SuSE-Maskottchen.