Open Source im professionellen Einsatz

Nachruf auf das Ableben einer Internetseite

Tod eines Migranten

Schöne Migrationslösungen von Linux auf Windows 2000 Server - in dieser Richtung - waren Gegenstand eines Wettbewerbs. Die Sache verlor dann etwas an Dynamik.

Der 15.12.2001 war für Microsoft, den Hersteller des PC-Betriebssystems Windows, ein trauriges Datum. Verschlimmerung brachte zudem die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse - zumindest für die Trauernden.

Aber der Reihe nach: Den Samstag im vergangenen Dezember hatten die Microsoft-Marketingstrategen auserkoren als Einsendeschluss für ihren im Internet so hoffnungsvoll angekündigten Linux-Migrationswettbewerb. "Sie haben bei Ihrem Kunden eine Migrationslösung von Linux auf Windows 2000 Server implementiert oder schließen ein solches Projekt bis 15. Dezember 2001 ab?", fragte Microsoft in freudiger Erwartung seine Certified und Gold Certified Partner auf [http://www.microsoft.com/GERMANY/partner/partnermodell/certified/migration-linux/default.asp].

Wenn überhaupt, so arbeiten diese zertifizierten (auch die goldenen) Partner nur ungern umsonst. Deshalb mussten auch die in solchem Rahmen üblichen Preise her: eine Städtereise, Sonderdrucke von Fallstudien, PR-Workshops und Bücher von MS Press für die Erstplatzierten - insgesamt fünf Preise im Gesamtwert von 6500 Euro.

"Bewertet werden die Einsendungen von einer hochkarätigen Jury", war auf der mittlerweile vom Netz abgenabelten Internetseite zu lesen. Wer das sein würde, ist im Nachhinein nur zu vermuten. Denn das Preisgericht fürs Bewerten der Kandidaten tagte wohl niemals. Die wahre Leidensgeschichte lässt sich nur aus den spärlichen Fakten und zwei Links rekonstruieren.

Todesursache 404: Den Aufruf zum Migrationswettbewerb hat Microsoft vor einiger Zeit vom Netz genommen.

Todesursache 404: Den Aufruf zum Migrationswettbewerb hat Microsoft vor einiger Zeit vom Netz genommen.

Link Nummer 1: Eine Sache der Form

Teilnehmer eines Wettbewerbs müssen bestimmte Bedingungen beachten. Die entsprechenden Unterlagen konnten die Partner von Microsofts Internetseite herunterladen. Die auszufüllende "Checkliste für Case Studies Version 1.45", eine Excel-Tabelle, war nicht so umfangreich, dass der Teilnehmer darüber andere Arbeit hätte vernachlässigen müssen. Der Fragebogen ermöglichte in von Microsoft gewohnter Manier das schnelle und umkomplizierte Berichten, denn alle - so war zu lesen - "wesentlichen Information werden auf einer Bildschirmmaske erfasst".

Dass außerdem alles vertraulicher als Röntgenbilder behandelt würde, versteht sich beim Windows-Hersteller von selbst. Dank fortschrittlichster Technik musste der Bericht nicht mal eingetütet werden, sondern hätte einfach per E-Mail an FrauSPunkt@microsoft.com seinen Weg finden können.

Etwas tiefer auf der Seite verhärtet sich der Verdacht bezüglich der Jury-Besetzung. Denn das "Microsoft Certified Partner Marketing wählt anhand des Fragebogens die potentiellen Referenzlösungen aus". War das Siechtum damit schon vorbestimmt? Handelt es sich bei diesem Wettbewerb nur um eine verpfuschte, wenngleich neue Form des PR-Marketings? Verkommt das hochgesteckte Ziel der Server-Migration zur Zielvorgabe einer Assistentin in der Marketing-Abteilung? Bekommt die Frau nun weniger Bonus am Jahresende, bloß weil auf die zertifizierten Partner kein Verlass ist?

Oder gab es überhaupt nichts Berichtenswertes? Stand gar nichts zur Wahl? Waren die "Vorteile der Lösung" und die "Besonderheiten des Projektes" solcher Art, dass weder Lösung noch Projekt existierten?

Link Nummer 2: Fragenkatalog gleich Auswahlkriterien

Ja, viele Fragen. Aber immerhin bei weitem weniger als jene, mit denen sich die Microsoft-Partner in dem Word-Dokument »kriterien_neu.doc« konfrontiert hätten sehen können, um den Zustand ihrer Lösung vor dem Einreichen zu checken: Wie aktuell ist das Referenzprojekt? Wie bekannt ist der Kunde? Hat er ein gutes Image? Ist das Thema allgemein relevant? Oder nur für eine bestimmte Gruppe? In welchen Punkten könnte der Leser seinen speziellen Nutzen erkennen? Zeit- oder Kostenersparnis? Time to Market gesteigert? Oder die Skalierbarkeit? Handelt es sich um ein derzeit in der Öffentlichkeit stark diskutiertes Thema?

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