Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass freie Software zwar überall auf dem Vormarsch ist, es aber problematisch bleibt, damit Geld zu verdienen. Gehen wir von zwei Softwareprodukten aus, die von der Funktionalität her vergleichbar sind: Das eine sei proprietär, das andere freie Software. Welches davon hat den höheren Nutzwert? Bei gleicher Qualität sollten praktisch alle Anwender die weiter gehenden Rechte der freien Software bevorzugen, oder?
Schließlich macht die der Software innewohnende Freiheit (beispielsweise die Quelloffenheit und die Erlaubnis, die Software zu modifizieren und zu verbreiten) einen über die Funktionalität hinausgehenden Wert aus.
Die Anwender haben jedoch auch ein berechtigtes Bedürfnis nach Pflege, Weiterentwicklung und Neukonzeption von freier Software. Deshalb sollte es möglich sein, für freie Software zu bezahlen - freiwillig und mit einem selbst bestimmten Betrag. Für kleine Nutzer - ob Privatpersonen oder kleine Unternehmen - bedeutet die Existenz einer solchen Möglichkeit einen zusätzlichen und wichtigen Weg zur Wahrung eigener Interessen, wie hier gezeigt werden soll.
Geld als legitimes Motivationsmittel
Die Entwickler von freier Software erledigen gemeinsam das, was jeder sonst individuell in Angriff nehmen müsste. Eine Person kann zwar Erstaunliches leisten, aber nicht alles, was ein heutiges Computersystem ausmacht, im Alleingang entwickeln. Arbeitsteilung heißt die Lösung dieses Problems. Diese braucht ein System zur gegenseitigen Motivation.
Geld, als abstraktes Tauschmittel, wurde genau dafür geschaffen. Natürlich ist Geld nicht die einzige Möglichkeit, eine Arbeitsteilung zu organisieren. Bei freier Software besteht grundsätzlich die Wahl, entweder Geld oder etwas anderes wie Arbeitszeit oder Anerkennung beizutragen. Die meisten Entwickler lassen sich nicht ausschließlich durch Geld motivieren. Über Größe und Zusammensetzung eines Beitrags kann aber jeder selbst entscheiden. Bezahlen zu können vergrößert hier die Vielfalt der Wahlmöglichkeiten.
Das Einbringen von Ressourcen wie Arbeitszeit oder Anerkennung ist leicht, wenn sich der Einzelne selbst an einem Projekt beteiligt. Doch wie kann er die Wahrung seiner Interessen sicher stellen, wenn er sich aus irgendeinem Grund nicht direkt beteiligen kann?
Der Massenmarkt gibt Kleinbeträgen Macht
Bisher konnten hauptsächlich finanzkräftige Unternehmen einfach Entwickler anstellen und so dafür sorgen, dass eine Software in ihrem Sinne entsteht. Mit einem ihm angemessenem Betrag bekäme ein Privatmensch nur Minuten, höchstens Stunden eines erfahrenen Entwicklers - zu wenig, um wirklich etwas auszurichten, es sei denn, es entstünde ein Massenmarkt.
Wie funktioniert der Massenmarkt proprietärer Software? Üblicherweise versucht eine Anzahl von Unternehmen, die Bedürfnisse der potenziellen Nutzer vorauszusehen, und steckt Geld in eine neue Entwicklung. Einigen Unternehmen gelingt die Refinanzierung der Kosten - durch eine entsprechende Anzahl von Lizenzverkäufen für das fertige Produkt. Wer richtig lag, hat dann weiteres Kapital, um noch eine Runde zu probieren. Der positive Effekt: Der Markt findet so durch Wettbewerb heraus, was die Nutzer brauchen.
Anhand dieses Mechanismus sollte klar werden, warum es nicht genügt, den Distributor eines GNU-Systems zu bezahlen oder die Förderung freier Software nur den großen Unternehmen oder paritätischen Gremien zu überlassen. Nur jeder Einzelne von uns weiß wirklich, was er an Anwendungen und Programmen konkret braucht.
Wenn ein Zehntel der für vergleichbare proprietäre Software eingesetzten Summe an freie Projekte ginge, dann wäre das ein großer Anreiz, die Interessen der Einzelanwender wahrzunehmen. Denn so entstünde ein Massenmarkt für freie Software-Anwendungen. Es ist anzunehmen, dass die Anwendungen für den elektronischen GNU/Linux-Schreibtisch so noch besser in Schwung kämen.