Alan Cox hat sich überraschend aus der Entwicklung des 2.4er Linux-Kernels zurückgezogen (siehe Beitrag in der Rubrik "Aktuell"). Einige Tage vor dieser Entscheidung führten unsere Kollegen vom "Linux Magazine" aus Großbritannien folgendes Interview. Darin klingt bereits an, dass für ihn die wichtigsten Entwicklungen jetzt außerhalb des Kernels ablaufen. Außerdem plaudert Alan über seine Vorlieben bei Hardware, den Entwicklungsprozess beim Kernel und die Unterstützung der Hersteller. Das Interview führten John Southern und Colin Murphy.
Linux-Magazin: Was treibt dich, diese ganze gute Arbeit zu machen?
Alan Cox: Ich habe Spaß daran.
Linux-Magazin: Und wie findest du überhaupt die Zeit dafür?
Alan Cox: Große Mengen Schlaf. Ich arbeite nach der US-Zeit, stehe also manchmal nicht vor Mittag auf.
Linux-Magazin: Wie wächst und entwickelt sich der Kernel?
Alan Cox: Die beste Antwort ist: als eine zielgerichtete Explosion. Entwicklungsarbeit kommt aus allen möglichen Ecken und aus sehr vielen verschiedenen Gründen. Manchmal erhofft man sich einen finanziellen Vorteil: Wenn wir jemanden bezahlen, dieses und jenes zu entwickeln, können wir etwas anderes verkaufen.
Manche Leute arbeiten mit, weil sie eine spezielle Hardware mögen oder weil sie zum Beispiel ein nicht unterstütztes USB-Gerät gekauft haben und sich sagen: "Das ist cool, das will ich unter Linux nutzen." Bei anderen wiederum steht das akademische Interesse im Vordergrund, sie betreiben Forschung, indem sie Software verbessern.
Linux-Magazin: Die Kernel-Entwicklung verläuft ohne CVS oder ähnliche Versionskontrollsysteme. Warum ist das so?
Alan Cox: Es stimmt, beim eigentlichen Kernel wird kein CVS eingesetzt, aber manche Entwickler setzen es zum Teil für ihren Anteil ein. Das große Problem mit CVS ist: Für einen Einzelnen ist es sehr schwer, den Überblick über alles zu behalten, was hereinkommt, und die richtige Art der Qualitätskontrolle einzuhalten, die wir brauchen. Ich glaube aber schon, dass Linus für sich selbst CVS einsetzt.
Linux-Magazin: Kommt es vor, dass bestimmte Features liegen bleiben, weil sie zwar jeder will, aber niemand macht sich an die Arbeit. Wie koordiniert man so etwas?
Alan Cox: Es wird nicht koordiniert. So etwas kommt zwar gelegentlich vor, aber irgendwann stört es jemanden so sehr, dass er das Problem löst. Es ist nicht ungewöhnlich, dass jemand für eine bestimmte Hardware einen Treiber geschrieben hat, aber es kümmert sich niemand richtig darum, oder dem Autor des Treibers war es egal, dass er mit bestimmten Maschinen nicht lief. Wenn es genug Leute gibt, die ihn benutzen, wird irgendwer sich hinsetzen und das Problem beheben.
Manchmal ist das der Hersteller, der bei den Tests zur Qualitätssicherung auf das Problem stößt. Oft ist es aber auch der Enduser. Zum Beispiel die Leute mit den ganz alten CD-Laufwerken, die an der Soundblaster-Karte hängen. Immer, wenn wir etwas kaputtgemacht haben, haben diese Leute den Treiber wieder repariert.
Linux-Magazin: Was siehst du als die wichtigste Software an, die Linux noch fehlt?
Alan Cox: Bessere Kalender-Software und bestimmte Groupware-Programme. Die wirklich großen Anwendungen kommen jetzt gerade. Office-Suiten wie Star Office oder KOffice, vor allem Star Office, das zu Open Office wird. Ein kompletter Outlook-Clone mit all seinen Features und einigem mehr wird gerade von den Jungs von Ximian mit Evolution gebaut. Ein reines Mail-Programm ist Selfeed, das kommt übrigens aus dem Japanischen und heißt "Geist des Windes".
Linux-Magazin: Kommen auch oft Anfragen von Usern, die nicht in der Lage sind, direkt zur Kernel-Entwicklung beizutragen?
Alan Cox: Sicherlich melden sich Leute, die sagen, es wäre schön, wenn Linux dies oder jenes könnte. Vor allem die Hersteller bekommen viel Feedback, etwa: "Wir würden ja gern 500 Maschinen installieren, aber ..." Das kann sehr nützlich sein.
Linux-Magazin: Funktioniert die Kommunikation vom Endnutzer zum Coder?
Alan Cox: Ja; bis dahin, dass der Endnutzer darauf vorbereitet ist, Entwicklungsarbeit zu machen, oder jemanden bezahlt, der dies tut. So läuft es.
Linux-Magazin: Gibt es Nachteile am ständigen Wachstum von Linux?
Alan Cox: Eine vollere Mailbox ist der größte potenzielle Nachteil. In den frühen Tagen gab es auf der Kernel-Mailingliste zwei oder drei Nachrichten am Tag. Es wächst ständig, je mehr Leute dazukommen. Ich weiß nicht, wie lange das noch geht. Im Grunde genommen können wir dem Kernel nichts Wichtiges mehr hinzufügen. Die wirklich kritischen Dinge laufen heute im User Space ab, in der Welt von KDE und Gnome, 3D-Grafik und all diesen Sachen.
Linux-Magazin: Sind die Software-Supportmodelle für Unternehmen richtig aufgesetzt?
Alan Cox: Support kostet echtes Geld. Man kann große Mengen für einen kompletten unternehmensweiten Support ausgeben oder auch nur für den Back-End-Teil. Das hängt davon ab, wie man verhandelt. Theoretisch ist ja dieser gesamte Support schon da. Die Leute bei Red Hat glauben, sie machen da einen wunderbaren Job, aber man sollte in Wirklichkeit die Kunden fragen.
Linux-Magazin: Was wird in der nächsten Version des Linux-Kernels sein? Ist es überhaupt höflich, danach zu fragen?
Alan Cox: Es ist die Sorte von Fragen, auf die wir keine Antwort haben. Manche Dinge sehen wie geeignete Kandidaten aus: Eine verbesserte Eingabeschicht, eine vernünftige Unterstützung mehrerer Monitore und Konsolen, etwa zwei Mäuse, zwei Keyboards und zwei Monitore an einen Computer zu stecken. Dann ein bisschen was mit Dateisystemen, XFS, JFS.
Compaq spendet Clustering Code, was sehr interessant ist. Man könnte also in der Lage sein, einen ganzen Raum voller Linux-Boxen zu haben, die sich wie ein einziges System verhalten, und wenn eine davon ausfällt, läuft das Ganze ohne Mucken weiter. Für viele Business-Anwendungen ist das sehr wichtig.
Linux-Magazin: Okay, also bleiben wir ein wenig bei neueren Dateisystemen. Hast du ein bevorzugtes?
Alan Cox: Journaling-Filesysteme sind für viele Dinge wichtig, es hängt aber immer davon ab, was man will. Ext2 migriert zu Ext3, ein Dateisystem das genau das tut, was jedes generische Dateisystem eine Zeit lang getan hat. ReiserFS tut eine ganze Menge für viele kleine Dateien mit schnellem Verzeichnis-Handling. IBMs JFS macht einen extrem schnellen Eindruck. Die Zeit wird zeigen, was herauskommt. Im Moment ist es noch etwas undurchsichtig.
Linux-Magazin: Wenn sich das trübe Wasser geklärt hat, wer wird als Sieger hervorgehen?
Alan Cox: Ich glaube nicht, dass es einen Sieger gibt. Wir hatten schon konkurrierende Filesysteme, bevor sich Ext2 durchgesetzt hat, ExtFS und ExtIFS zum Beispiel. Sechs bis neun Monate nachdem Ext2 herauskam, hat es sich durchgesetzt. Es wurde genutzt, weil jeder andere es auch benutzte, und es schien zu funktionieren.
Die Hersteller werden einfach Filesysteme ausliefern, die funktionieren, sie machen eine Menge Qualitätssicherung auf diesem Gebiet. In einigen Fällen wird es spezielle Filesysteme geben, JFS für Flash Devices beispielsweise ist sehr nützlich auf dem iPAQ von Compaq, aber völlig nutzlos für den durchschnittlichen Festplattennutzer.
Linux-Magazin: Welche Hardware kannst du empfehlen und bist du überhaupt mit Hardware-Dingen befasst?
Alan Cox: Manchmal hole ich mir Geräte, die mit freien Treibern arbeiten. Wie jeder andere auch versuche ich mir eine Maschine zu bauen, die mit einer vernünftigen Geschwindigkeit läuft oder so wenig wie möglich Strom verbraucht. Ich spiele mit einer ganzen Menge Dinge herum.
Ich baue Athlon-Rechner zusammen, weil sie mir die beste Performance bringen. Für Desktop-Rechner habe ich auch mit dem neuen V3-Chip von Via gespielt, er braucht keinen Lüfter und ist deshalb sehr leise, aber er ist kein Geschwindigkeitsteufel. Mit dem Pentium 4 habe ich noch nicht viel gemacht, nur ein paar Benchmarks. Es ist die erste Generation, wichtiger als seine derzeitige Performance es ist, was er in zwölf Monaten leistet.
Linux-Magazin: Die Unterstützung seitens der Hardware-Hersteller wächst zwar inzwischen, aber was kann man tun, um sie noch stärker zu ermutigen?
Alan Cox: Die meisten treffen ihre Entscheidungen hinsichtlich von Offenheit aufgrund von Geschäftsrisiken oder finanziellen Vorteilen. So hat beispielsweise eine Reihe kleinerer USB-Hersteller keine Geheimnisse. Aufstrebende Hardwarehersteller wie S.E.S., die sehr eng mit der Linux-Community zusammenarbeiten, sind begierig darauf, guten Support zu geben.
Andererseits gibt es Firmen wie nVidia, die sich Sorgen machen, ein Konkurrent könne Geheimnisse erfahren. Sie befürchten, dass die ATI Rage noch schneller als ihre eigenen Karten laufen könnte, wenn sie ihre Software freigeben. Manchmal ist es sinnvoll, sich mit diesen Leuten zu unterhalten, manchmal nicht. Zumindest versteht man dann aber ihren Standpunkt.
Eine andere Sache, die wirklich hilft, ist es aber, wenn Unternehmen wie Compaq, vor allem aber Dell und IBM Linux auf ihren Servern unterstützen. Das bedeutet, sie gehen zu den Hardwareherstellern, bei denen sie ihre benötigten Teile kaufen, und sagen denen: "Wenn dieses Board Linux unterstützt, kaufen wir große Stückzahlen und verkaufen sie in unseren Servern."
Für viele eher konservative Geschäftsleute ist es dann eher einzusehen, wenn jemand sagt: "Gut, wir machen jetzt diese Arbeit und kriegen dann das Geld durch den Verkauf zurück." Viele fühlen sich allerdings nicht gerade wohl dabei, Dokumentationen weiterzugeben, sie sind eher an eine traditionelle Geschäftsbeziehung gewöhnt.
Linux-Magazin: Noch zwei persönliche Fragen: Bist du ein Desktop- oder Konsolentyp?
Alan Cox: Nun, ich verwende die meiste Zeit X, ich neige dazu, XFce auf meinem Desktop einzusetzen, dann laufen meist Gnome-Anwendungen, manchmal auch KDE. Man kann ja Gnome und KDE so einstellen, dass sie genau gleich aussehen. In der Desktop-Welt bin ich der Enduser und sofern es mich betrifft, sieht sowieso alles gleich aus, okay, ein bisschen was ist Qt, ein bisschen was ist Gtk, aber was soll's.
Linux-Magazin: Du hast einen ziemlich guten Draht zur Community, sag uns noch etwas zu deinem Tagebuch.
Alan Cox: Gut, das hatte ursprünglich einen echten Zweck. Als ich begann, für Red Hat zu arbeiten, wollte mein damaliger Manager Eric eine monatliche Zusammenfassung der Dinge die ich tat. So dachte ich mir, die monatliche Zusammenfassung sollte auch Open Source sein - und das wurde dann mein Tagebuch.
Linux-Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.