Aktuelle Linux-Distributionen enthalten durchweg sehr ähnliche Komponenten. Ist die Installation bewältigt, kann eine Linux-Distribution fast immer so konfiguriert werden, dass ein durchschnittlicher Benutzer keine Unterschiede zu den Produkten anderer Hersteller feststellen kann. Das bedeutet nicht, dass es keine Unterschiede gibt, sie sind nur kleiner, als man gemeinhin denkt. Die Unterschiede auf der wirtschaftlichen und strategischen Ebene sind da schon weitaus größer - die Hersteller haben an diesen Stellen unterschiedliche Wege eingeschlagen.
Die Entscheidung für oder gegen eine Distribution sollte also genauso auf Kriterien wie lokale Marktposition oder Verfügbarkeit von Dienstleistungen und Support basieren wie auf technischen Vor- oder Nachteilen.
Die bescheidenen Anfänge
Der Grundstein für Linux wurde von Richard Stallman von der Free Software Foundation (FSF) in den achtziger Jahren gelegt. Zwar hob Linus Torvalds 1991 den Kernel aus der Taufe, aber ohne die vielen Programme der Free Software Foundation wie Compiler, die Unix-Standard-Werkzeuge oder etwa den berühmt-berüchtigten Emacs wäre Linux nicht dort, wo es heute ist. Wichtiger jedoch als all diese Beiträge von Richard Stallman und der FSF ist die GNU General Public License (GPL). Sie bildet einen Eckpfeiler für den Linux-Erfolg und ist ein Hauptgrund dafür, dass es heute überhaupt so etwas wie eine Open-Source-Bewegung gibt. Zwar ist Linux ohne die FSF undenkbar, umgekehrt wären wohl aber auch die FSF und ihre Ziele ohne Linux kaum so bekannt.
Inzwischen haben einige kontroverse Statements von Richard Stallman zu einem gewissen Gefühl der Entfremdung zwischen der FSF und Teilen der Linux-Gemeinschaft geführt. Viele fühlen sich zwar nach wie vor den Idealen der Free Software Foundation verpflichtet, weniger allerdings den Äußerungen ihres Gründers.
Linux verbreitete sich sehr schnell auch über die Grenzen der Hacker-Gemeinde hinaus. Bald zeigte sich, dass die Standardmethode für die Linux-Installation - Linus Torvalds Boot/Root-Disketten - nicht mehr ausreichte, da für ihre Verwendung weitreichende Unix-Kenntnisse erforderlich waren. Deshalb schuf Owen LeBlanc vom Manchester Computing Centre in Großbritannien den Vorläufer dessen, was heute unter dem Namen Linux-Distribution bekannt ist - die MCC Interim Releases (MCC).
Sie verfolgten das Ziel, möglichst viele bei der Installation anfallenden Tätigkeiten zu automatisieren, so etwa das Kopieren von Softwarepaketen auf die Festplatte. Owen leitet heute die Manchester Linux-Usergroup - Linux-Celebrities sind erreichbarer, als es in anderen Bereichen der Fall ist.
Linux-Firmen und ihre Geschichte
Kurz nach MCC erschien die Distribution Softlanding Systems (SLS) von Peter McDonald, ihr folgte Slackware Linux von Patrick Volkerding, die zumindest anfangs in weiten Teilen auf der SLS aufbaute. Ende 1992 gründeten in Nürnberg die vier Studenten Burchard Steinbild, Hubert Mantel, Thomas Fehr und Roland Dyroff die Firma SuSE. Zunächst verkauften sie die SLS-Distribution auf Disketten, später eine für den deutschen Markt angepasste Slackware.
Die Integration einer weiteren Linux- Distribution - Jurix von Florian La Roche - bedeutete eine einschneidende Veränderung im Aufbau von SuSE Linux. Heute ist SuSE die älteste noch existierende rein kommerzielle Linux-Distribution. Neben seinem Hauptprodukt bietet SuSE besonders im europäischen Markt heute auch Professional Services (Support, Consulting und Training) an, eine Reihe von Businessprodukten (E-Mail-Server, Firewall-Server) ist ebenfalls Teil des Portfolios.
Ende 1993 rief Ian Murdock die nicht-kommerzielle Distribution Debian ins Leben, die heute bekannteste freie (frei sowohl im Sinne von Freibier wie von freie Rede) Linux-Distribution. Andere deutsche Linux-Distributionen aus dieser Zeit waren die LST in Erlangen und die DLD in Stuttgart.
Von Bob Young und Mark Ewing wurde - ebenfalls 1993 - die Firma Red Hat in Durham/North Carolina gegründet. Einer ihrer Vorläufer war die Bogus Linux-Distribution, aus der auch das Format der Programmpakete stammte. Heute verwenden die meisten Distributionen dieses RPM-Format (Red Hat Package Manager), mit Ausnahme von Debian und davon abgeleiteten Distributionen. Red Hat war die erste Linux-Firma, die an die Börse ging. Das ermöglichte den Kauf anderer Firmen, unter ihnen die deutsche DLD-Distribution sowie Cygnus, der Hersteller von eCos (eines Embedded-Betriebssystems) und vieler wichtiger Entwicklungswerkzeuge. Cygnus trägt heute einen signifikanten Teil zum Umsatz von Red Hat bei.
Red Hat verbreitete seine Distribution komplett unter der GPL. Das nutzten andere Anbieter, um ihre eigene, darauf basierende Distribution auf den Markt zu bringen. Abgesehen vom Hauptprodukt Red Hat Linux bietet die Firma weltweit eine ganze Palette von Dienstleistungen (Support, Consulting, Training) und Business-Produkten an. Auch Produkte und Tools für den Embedded-Markt gehören zu Red Hats Palette. Abhängig von der Zielplattform sind sie entweder Linux-basiert oder beruhen auf den früheren Cygnus-Produkten.
Caldera wurde 1994 von Ransom Love und Bryan Sparks in Utah gegründet. Das Unternehmen erwarb später die Erlanger LST-Distribution; Calderas Linux-Entwicklung findet deshalb immer noch vor allem in Deutschland statt. Im Jahr 2001 kaufte Caldera die Betriebssystem-Sparte der Santa Cruz Operation und besitzt damit heute neben den Rechten an SCO Open Server und Unix Ware auch die ursprünglichen Unix-SystemV-Sourcen. Damit ist Calderas Geschäft nicht mehr allein auf Linux konzentriert.
Die Firma verkauft heute unter dem Namen OpenUNIX 8.0 eine angepasste Version der früheren Unix Ware. Der OpenUNIX-Kernel hat neben seiner althergebrachten Funktionalität eine "Linux Kernel Personality" (LKP). Damit laufen auch nicht extra angepasste Linux-Programme unter OpenUNIX. Konsequenterweise liefert Caldera mit OpenUNIX auch eine komplette Linux-Distribution (ohne Kernel) aus. OpenUNIX kann man deshalb auch als Linux-Distribution mit OpenUNIX-Kernel beschreiben.
Caldera ging im Jahr 2000 an die Börse, also bereits am Beginn der so genannten Dotcom-Krise. Obwohl die Aktien heute weit unter einem Dollar gehandelt werden, scheint die Firma immer noch über einige Ressourcen zu verfügen.