Als sich Caldera dafür entschied, einen Großteil der Geschäftsbereiche der Santa Cruz Operation (SCO) zu kaufen, bedeutete das in vieler Hinsicht das Ende einer Ära. Als Hersteller von PC-basierten Unix-Lösungen war SCO unter allen Mitgliedern des Unix-Geschäftsfelds wohl am härtesten von dem großen Linux-Erfolg der letzten Zeit negativ betroffen. Denn traditionell sind viele Unix-Varianten eher im Umfeld anderer Hardware-Architekturen zu finden, zum Beispiel Suns Solaris auf Sparc, IBMs AIX auf PowerPC, HPs HP/UX auf PA-Risc und andere mehr.
Von der wirtschaftlichen Perspektive aus gesehen schien die Logik des Erwerbs von SCO in dem besseren Zugang zum weit verzweigten Händlernetz zu bestehen. Caldera hat sich seit langem als die Linux-Variante für das Business positioniert. Der Gedanke, Caldera Open Linux an all die vielen Benutzer von SCOs Unix-Lösungen zu vermarkten, machte deshalb durchaus Sinn.
Auf der technischen Seite hätten die meisten Beobachter aber wohl erwartet, dass die in manchen Bereichen überlegenen Eigenschaften von Unixware denen von Linux hinzugefügt würden, nicht umgekehrt. Die Fortführung von Unixware in Gestalt von Caldera OpenUNIX 8.0 kam deshalb als Überraschung. Nicht nur ist das die Neugeburt eines eigentlich totgeglaubten Sprosses der Unix-Familie, es ist auch ein Schritt weg von einem rein Linux-zentrierten Businessmodell hin zu proprietären Betriebssystemen.
Es bleibt abzuwarten, welchen Einfluss diese Taktik auf die dank Linux fortschreitende Konsolidierung des Unix-Marktes hat. Am Ende ist es dann doch öfter der Prophet, der zum Berge geht, als umgekehrt.
Die Testsysteme
Die im vorliegenden Test verwendeten Rechner spiegeln die Verhältnisse im Heimbenutzer- und Soho-Markt (Small Office/Home Office) auf der einen Seite sowie in einer kleineren Abteilung beziehungsweise Firma auf der anderen Seite wieder. Der Kasten "Ausstattung der Testsysteme" beschreibt einige Details der verwendeten Systeme. Alle genannten Komponenten wurden von Linux (als Referenzsystem in puncto Hardware-Kompatibilität) automatisch erkannt und konfiguriert.
Die Verwendung eines Low-End-Systems mit Celeron/500 erschien auch interessant, da Caldera sehr niedrige Einstiegsvoraussetzungen für die Installation von OpenUNIX angibt. Als Vergleichssystem zu OpenUNIX 8 kam SuSE Linux 7.2 zum Einsatz.
Dem für diesen Test verwendeten Caldera OpenUNIX 8 lagen neben den vier Installations-CDs noch zwei durchweg sehr gut strukturierte und informative Handbücher in deutscher Sprache bei. Es handelt sich hierbei um das rund 80-seitige Handbuch "Erste Schritte" sowie um das System-Handbuch mit stolzen 400 Seiten.
Die CDs enthalten das Basis-Betriebssystem mit einer Reihe von Utilities, eine Kopie von Caldera Open Linux 3.1 sowie eine CD mit einigen optionalen, meist kostenpflichtigen Komponenten. Darunter befindet sich mit Merge auch eine Software, die das Betreiben von Windows-9x-Programmen unter OpenUNIX 8 ermöglicht.
Preise und Lizenzen
|
|
Basislizenz:
Ein Benutzer, eine CPU, max. 1 GByte Haupt-speicher: 800 Dollar
Business-Lizenz:
Fünf Netzwerkbenutzer, eine CPU, max. 4 GByte Hauptspeicher: 1300 Dollar
Abteilungs-Lizenz:
25 Netzwerkbenutzer, 2 CPUs, max. 4 GByte Hauptspeicher: 2000 Dollar
Enterprise-Lizenz:
50 Benutzer, vier CPUs, max. 16 GByte RAM, Online Data Manager: 5000 Dollar
Data Center:
150 Benutzer, acht CPUs, max. 32 GByte RAM, Online Data Manager, Event Logging mit relationaler Datenbank: 10000 Dollar
|
Die Installation
Nach dem Booten von der ersten Installations-CD erscheint ein freundlicher Begrüßungsbildschirm mit der Meldung »Caldera Open UNIX 8 - Unifying UNIX with Linux for Business«. Der Satz bezieht sich auf eine der größten Neuerungen in OpenUNIX respektive Unixware: die Linux Kernel Personality (LKP).
Die LKP erlaubt das Ausführen unveränderter, vorkompilierter Linux-Programme, sobald sie der (vorläufigen) LSB-Spezifikation entsprechen. Caldera macht einen löblichen Schritt hin zur Standardisierung der bestehenden Linux-Systeme, indem es die LKP nicht exklusiv für die hauseigene Linux-Distribution OpenUNIX anbietet.
Die gesamte Installation erfolgt im Textmodus unter einer Oberfläche, die an Borlands Turbovision oder die noch vor etwa zwei Jahren im Linux-Bereich üblichen textbasierten Installer erinnert. Nach dem Durchlaufen der üblichen Abfragen nach gewünschter Sprache, Tastaturbelegung und Zeitzone ist zunächst der Lizenzcode einzugeben. Caldera stellte für diesen Test freundlicherweise gleich eine Enterprise-Lizenz zur Verfügung, sie ermöglicht das Betreiben eines Rechners mit bis zu vier CPUs und 16 GByte Hauptspeicher. Weitere Konfigurationen sind im Kasten "Preise und Lizenzen" erläutert. Die Preise der verschiedenen Versionen liegen zwischen 800 und 10000 US-Dollar.
Wer Disketten mit Treibern von Drittherstellern besitzt, kann diese im nächsten Schritt gleich laden lassen, ansonsten versucht das System die vorhandene Hardware automatisch zu erkennen und zu konfigurieren.
Ein kleiner Stolperstein taucht auf, wenn man bei der folgenden Partitionierung der Festplatte versucht einen Rechner als Dual-Boot-System mit OpenUNIX und einer Linux-Installation auf separaten Partitionen aufzusetzen. Hier ist es ratsam, sich streng an die von Caldera vorgesehene Vorgehensweise zu halten und erst OpenUNIX zu installieren. Auf dem freien Plattenplatz am Ende der Festplatte kann dann die Installation von Linux erfolgen. Wer sich nicht an dieses Vorgehen hält, riskiert Probleme - bis zur Unbrauchbarkeit des bereits installierten Linux-Systems.
Ebenfalls problematisch ist die Einrichtung eines gemeinsamen Bootloaders für beide Betriebssysteme. Es ist zwar möglich, sowohl OpenUNIX als auch Linux von derselben Festplatte zu booten, sehr viel einfacher (wenn auch unbequemer) ist es jedoch, den Bootloader von Linux (meist Lilo) auf einer Diskette zu installieren. Wählt man statt der manuellen Aufteilung die automatische Partitionierung der ganzen Festplatte und verwendet sie komplett für OpenUNIX, ist nicht mit Problemen zu rechnen.
OpenUNIX kommt mit nur einer Partition auf der Festplatte aus, in der es verschiedene Filesysteme und Swap-Bereiche verwaltet. Standardmäßig wird das Journaling-Filesystem Veritas eingesetzt. Das erhöht deutlich die Datensicherheit und verringert die nach einem Systemausfall für das Überprüfen des Filesystems benötigte Zeit erheblich.
Nach der Auswahl des Umfangs für die Grundinstallation (typischerweise zirka 350 MByte) erhält man die Möglichkeit zum Konfigurieren der erkannten Netzwerkkarten. Dabei fällt das Fehlen einer Option zum Konfigurieren eines DHCP-Zugangs auf. Diese Option wird aber später im laufenden System angeboten. Bei der Basisinstallation sollte man auch das Modul »osmp« nicht vergessen - falls man über ein Multiprozessorsystem verfügt -, sonst wird nur ein Prozessor des Systems erkannt.
Nach der Eingabe von Benutzerdaten sowie der Wahl eines Root-Passworts und der Lizenzerklärung legt der Installer nach einer letzten Nachfrage die Filesysteme und Partitionen an und beginnt mit dem Kopieren der Software von der ersten CD. Nach dem obligatorischen Neustart bootet das System erstmals von der Festplatte. Dann folgt die Konfiguration der Maus, bevor mit dem Kopieren der Daten von den CDs 2, 4 und 3 (in dieser Reihenfolge) fortgefahren wird.
Die gesamte Installation dauert auf dem Serversystem etwa eine Stunde. Die Konfiguration des X-Window-Systems erfolgt automatisch ohne Zutun des Benutzers. Standardmäßig ist danach für alle Benutzer das Common Desktop Environment (CDE) konfiguriert. Dabei handelt es sich um eine Entwicklung, die als gemeinsame grafische Oberfläche für alle Unix-Systeme vor einigen Jahren gemeinsam von mehreren großen Unix-Herstellern angestoßen wurde.
Verglichen mit den ausgefeilten grafischen Installationsroutinen der unterschiedlichen Linux-Distributionen (einschließlich derjenigen von Caldera Open Linux) mutet die textbasierte Installation von OpenUNIX ziemlich spartanisch an. Das hat allerdings nicht unbedingt nur Nachteile.
Zu erwähnen sind einige Funktionalitäten der beiden Testrechner, die partout nicht zum Laufen zu bewegen waren. Auf dem kleineren System beispielsweise wurde zunächst die Netzwerkkarte nicht erkannt. Eine Nachfrage bei Caldera ergab, dass Netzwerkkarten mit dem recht verbreiteten Realtek-8139C-Chipsatz erst ab einer der nächsten Versionen unterstützt werden.
Die Unterstützung für Soundkarten in OpenUNIX beruht auf dem auch auf Linux-Rechnern nicht ganz unbekannten Open Sound System (OSS). Es stammt von der in Los Angeles beheimateten Firma 4Front-Technologies, also von Dev Mazumdar und Hannu Savolainen. Die ersten, noch rudimentären Schritte zur Unterstützung von Soundkarten unter Linux stammen von diesen beiden Pionieren der Linux-Szene. Sie entschlossen sich allerdings später dazu, ihre Entwicklungen zu kommerzialisieren, und so findet sich OSS heute auch in verschiedenen anderen Unix-Systemen wieder. Inzwischen bietet unter Linux das Alsa-Soundsystem eine moderne Alternative zu OSS an.
Die in einem der beiden Rechner installierte Creative Labs Soundblaster Live wurde in der Standardinstallation von OpenUNIX nicht unterstützt. Das deutet darauf hin, dass eine ältere Version von OSS verwendet wird, denn diese Soundkarte wird von der neuesten OSS-Version 3.9.5e (für Unixware) auch unter OpenUNIX sehr wohl erkannt. Interessenten können diesen Treiber aber von der 4Front-Webseite unter [http://www.4front-tech.com] herunterladen. Für die dauernde Benutzung der Treiber ist eine Gebühr zu entrichten.
Die Installation des Treibers lässt sich nicht, wie unter Linux üblich, durch einfaches Laden eines Moduls im laufenden System erledigen. Vielmehr wird hinter den Kulissen ein neuer Kernel zusammengestellt, der durch einen Neustart des Rechners aktiviert werden muss. Dieses Vorgehen ist bei vielen anderen nicht-trivialen Änderungen im installierten System ebenfalls zu finden.
Auf dem kleineren Rechner wurden zunächst lediglich 64 der installierten 128 MByte erkannt, ein Problem, das auch unter Linux nicht ganz unbekannt ist und sich dort mit einem entsprechenden Kernel-Parameter etwa am Lilo-Bootprompt beheben lässt. Auch bei OpenUNIX gibt's ein Workaround.
Weitere kleinere Inkompatibilitäten betreffen die Nichterkennung eines USB-Trackballs oder die Verwendung des Vesa-Modus für die installierte Voodoo-3-Grafikkarte. Es ist damit zwar möglich, eine angemessene Auflösung von 1280 mal 1024 zu verwenden, die resultierende Bildwiederholfrequenz von 60 Hertz sorgt jedoch eher für Augenpulver. Insgesamt fällt sowieso auf, dass OpenUNIX weit weniger Treiber für moderne Hardware mitliefert, als man dies etwa von Linux her gewöhnt ist.
Abbildung 1: OpenUNIX mit der Linux-Implementierung des Civilization-Clones Freeciv.
Meilensteine
|
|
Die Santa Cruz Operation wurde 1979 von Doug und Larry Michels gegründet. Das Geschäftsmodell umfasste die Portierung von Unix auf weitere Plattformen sowie das damit verbundene Consulting-Geschäft. 1983 lieferte SCO mit Xenix System V eine Version von Unix für Intels 8088- und 8086-Prozessoren aus. Sie beruhte auf Code, den Microsoft gegen Ende der 70er Jahre ebenfalls unter dem Namen Xenix von AT&T lizenziert hatte. Versionen für Intel 80286 und 80386 wurden nach Einführung der entsprechenden Prozessoren durch Intel ausgeliefert.
Weitere Unix-Varianten folgten in der Gestalt von SCO Unix System V/386 (1989) und SCO Open Server (1992). 1995 erwarb die Firma zusammen mit Unixware 2 auch den originalen Unix-Quellcode von Novell. Unixware basiert auf Suns und AT&Ts Unix System V, Release 4. Gemeinsam mit IBM und Intel engagierte sich SCO ab Oktober 1998 im Projekt Monterey, einer gemeinsamen Unix-Implementierung für Intels 64-Bit-Plattform IA64, besser bekannt unter dem Namen des ersten Prozessors der Familie: Itanium.
Die Wende kam im August 2000, als in einem Übereinkommen zunächst der Kauf von SCO Unixware sowie der Abteilung Professional Services durch Caldera Systems, einer bis dahin nur im Linux-Umfeld tätigen Firma, beschlossen wurde. Diese Übereinkunft wurde dann im Februar 2001 auf SCO Open Server ausgedehnt, so dass die Tarantella-Abteilung heute der einzige verbliebene unabhängige Teil ist. Caldera hatte bis dahin nur weit reichende Vertriebsrechte für Open Server. Unixware 7 wurde 2001 von Caldera unter dem Namen OpenUNIX 8 weitergeführt.
|