Die Idee fasziniert: Das heutzutage in jeder Firma vorhandene Ethernet kann man mit Voice over IP (VoIP) auch zum Telefonieren benutzen, was neben der Einsparung bei der teuren ISDN-Telefonhardware auch noch den Nebeneffekt hat, dass man mit dem PC als Telefon viel mehr Funktionen rund ums Telefon bereitstellen kann, als dies ein klassischer Fernsprecher könnte.
Mioco bietet hierzu Hello World! an, das in klassischer Client-Server-Manier konstruiert ist. Der Server ist auch für Linux erhältlich. Er bildet damit praktisch die Telefonanlage, was Hello World! auch von vielen bislang erhältlichen VoIP-Lösungen unterscheidet, die hauptsächlich Peer-to-Peer arbeiten. Telefoniert wird mit den Client-Programmen am Arbeits-PC. Die Clients sind derzeit nur für Windows erhältlich, an einer Linux-Version wird jedoch schon gearbeitet.
Weil es einen Serverprozess gibt, kann über eine ISDN-Anbindung des Server-Rechners die Telefonanlage auch völlig transparent ans normale Telefonnetz und so mit normalen ISDN-Anlagen und auch mit alten analogen Telefonen kommunizieren.
Miocos Ansatz geht aber noch einen Schritt weiter: Nicht nur der Anlagenteil, auch der Telefonteil kann kompatibel gestaltet werden. So kann man mit einer Anschaltbox statt eines Headsets oder Hörers (der an der Soundkarte angeschaltet wird) auch ein klassisches Telefon an den PC anschließen, auch ein schnurloses Gerät nach dem DECT-Standard.
Im Testlabor musste Hello World! zeigen, ob der Praxiseinsatz hält, was die Werbung verspricht. Eine Konfiguration mit Server und zwei vorinstallierten Clients wurde mit der Telefonanlage von Linux New Media verbunden. Hello World! kann nämlich auch mit vorhandenen Anlagen zusammenarbeiten.
Der Client von Mioco läuft noch unter Windows. Er ist übersichtlich und doch informativ.
Der Praxistest im Labor
Wer schon einmal eines der vielen Peer-to-Peer-Telefonprogramme probiert hat, wird gleich überrascht, denn die Sprachqualität von Hello World! ist hervorragend. Die Akustik verrät nicht, welchen Weg die Sprache nimmt. Selbst unter Belastung des Netzwerks mit zusätzlichem Traffic waren nur ganz selten und dann sehr kurze Aussetzer hörbar, kaum mehr als auf internationalen Amtsleitungen auch. Auf gut dimensionierten Netzen dürfte es keine Probleme geben.
Da beim Test Server und Clients in einem Raum standen, fiel eine Latenz zwischen gesprochenem Text und dessen Wiedergabe beim Zieltelefon auf. Sie ist etwa so groß wie die Verzögerung bei einer Leitung in die USA via Satellit. Im praktischen Betrieb dürfte das aber weder Kunden noch Agents auffallen, da dann ja die Telefone nicht im selben Raum stehen.
Die Bedienung des Clients ist komfortabel. Das GUI ist ruhig und aufgeräumt und auch die erweiterten Funktionen sind logisch durchdacht angeordnet, man findet sich auch ohne Handbuch schnell zurecht. Die Verwaltung der Nebenstellen ist so einfach, dass es keiner besonderen Schulung bedarf. Auch die Sekretärin kann dabei den Job des Admin übernehmen.
Deutlich zu spüren ist die Erfahrung von Mioco mit Callcenter-Betreibern. Zwar richtet sich Hello World! in der Grundausstattung nicht direkt an Callcenter, aber die Verwandtschaft ist spürbar. Neben der obligatorischen Nebenstellenverwaltung durch einen Administratoraccount, die auch jede Telefonanlage hat, können nämlich auch Kontakte verwaltet werden. Ein Anrufbeantworter ist natürlich auch enthalten. Das interne Message-System zeigt die Callcenter-Nähe ebenso wie Protokoll- und Aufzeichnungsfunktionen. Aufgezeichnete Verbindungsdaten können dabei an Abrechnungsprogramme übergeben oder in gängige Datenbank- und Tabellenkalkulationsprogramme exportiert werden.
Hello World! kann auch verschiedene Operationen ausführen, die über die Rufnummer eines Anrufers oder die von diesem gewählte Rufnummer ausgelöst werden. Auch hier winkt das Callcenter, denn heutzutage bearbeiten Agents in der Regel mehrere Kunden zugleich. Hier kann dem Agent dann auch gleich die passende Datenbankabfrage eingeblendet werden.
Für Windows-Anwender komfortabel ist die Direktanbindung an Microsofts E-Mail-Programm Outlook, mit dem die Clients Daten wechselseitig austauschen können. Der Client wird dabei direkt in Outlook integriert.
Eine Funktion, die insbesondere in Firmen mit Niederlassungen geschätzt werden dürfte, ist der virtuelle Konferenzraum. Bis zu neun Teilnehmer können hier miteinander konferieren.
Als Technik für den Server wird ein Standard-PC mit einem Pentium (500 MHz) vorausgesetzt. Der Hauptspeicher kommt mit sparsamen 64 MByte aus, der Platzbedarf auf der Festplatte ist - ohne Anrufbeantworter - mit 20 MByte kaum wahrnehmbar. Für die Anbindung an eine ISDN-Anlage oder das Telefonnetz ist natürlich ISDN erforderlich, ab zwei B-Kanälen geht's los. Unterstützung findet alles bis rauf zu einem S2M-Primärmultiplex-Anschluss. CAPI-Unterstützung ist jedoch notwendig.
Als Client eignet sich jeder handelsübliche Windows-Rechner ab 133 MHz - und hier reichen bereits 32 MByte RAM aus. Dazu ein Handset (Hörer) oder ein Headset (Kopfhörer-Mikrofon-Kom- bi) oder Miocos Anschaltbox für ein klassisches Telefon.
Für die Übertragung der Sprachdaten setzt Mioco auf den Standard G.711, wobei für langsame Verbindungen alternativ auch G.726 verwendet werden kann. Echo-Unterdrückung zur Verbesserung der Sprachqualität ist serienmäßig dabei.
Extra-Komfort für Windows-Anwender: Die direkte Einbindung des Client in Microsofts E-Mail-Programm Outlook.
Fazit
Hello World! ist eine spannende Alternative zur klassischen (und bei vielen Nebenstellen auch teuren) ISDN-Telefonanlage. Besonders interessant wird sie jedoch, wenn viele Kundenkontakte zu pflegen sind. Da sind die Kontaktverwaltung sowie die Datenbankfähigkeiten von Hello World! eine echte Arbeitserleichterung.
Die gute Sprachqualität wird durch die nur im Labor beobachtete Latenzzeit nicht wirklich beeinträchtigt. Für den tatsächlichen Callcenter-Einsatz bringt Mioco eine erweiterte Version heraus, die auch den letzten Kundenwunsch erfüllen will. (okl)