Gimp muss immer wieder als Argument für den Linux-Desktop herhalten. Wer - andererseits - kennt all die unzähligen Funktionen und Werkzeuge und weiß damit umzugehen? Jürgen Osterbergs Buch mit dem Untertitel "Anspruchsvolle Grafikbearbeitung unter Linux und Windows" will mehr zu unserer grafischen Allgemeinbildung beitragen.
Gimp - der Wälzer
Gut 500 Seiten warten darauf, gelesen zu werden. Zum Glück ist das Buch ordentlich strukturiert und reich illustriert. Nach einem kurzen Einblick in die Geschichte von Gimp wird sehr ausführlich auf die Installation und den ersten Start eingegangen. Es folgt eine Einführung in die grundlegende Bedienung und den Umgang mit Dateien. Im anschließenden Teil werden die Werkzeuge von Gimp vorgestellt.
Es folgen ein Kapitel über wichtige Techniken zur Bildbearbeitung - und dann der dickste Teil: etwa 150 Seiten, auf denen die verschiedenen Plug-ins beschrieben werden, gefolgt von den Abschnitten über die Programmierung von Script-Fu, Plug-ins und die Einbindung von Scannern und Grafiktabletts. In den Anhängen wird kurz auf CVS-Zugriff, die Konfigurationsdateien, unterschiedliche Bildformate und die Nutzung der unvermeidlichen CD-ROM eingegangen.
Über das ganze Buch verteilt finden sich Schritt-für-Schritt-Anleitungen, die dem Leser bei mehr oder weniger typischen Aufgaben zur Hand gehen.
Was fehlt?
Doch leidet das Buch darunter, dass sich der Autor nicht entscheiden konnte, ob er eine Referenz oder ein Anwenderhandbuch schreiben wollte. Warum muss sich der Leser vor dem ersten Start von Gimp erst durch 60 Seiten mit eher sekundären Informationen (Installation, Voreinstellungen und weitere Quellen) durchkämpfen, wenn er doch darauf brennt, möglichst jetzt und sofort Gimp auszuprobieren? Warum sind die Tutorials nicht an einer Stelle gebündelt, sondern zwischen endlosen Beschreibungen von Plug-ins versteckt? Eine deutliche Zweiteilung des Buches in einen Anwendungs- und einen Referenzteil mit entsprechenden Querverweisen hätte hier sehr gut getan.
Das Buch scheint eine längere Entstehungsgeschichte zu haben. Denn obwohl im Titel von Gimp 1.2 gesprochen wird und auch viele aktuelle Features beschrieben werden, fühlt sich der Kenner teilweise in die Gimp-Steinzeit zurückversetzt. Einstellungen werden über die ».gimprc« vorgenommen, oft wird auf englische Menüpunkte verwiesen (Gimp ist in der Version 1.2 komplett eingedeutscht) und auf einigen Bildschirmfotos sind Werkzeuge zu sehen, die in Version 1.1.18 entfernt wurden - besonders bei der detaillierten Beschreibung der Werkzeugpalette ist das ein peinlicher Schönheitsfehler.