Open Source im professionellen Einsatz

AIX-Toolbox for Linux Applications

Inzwischen friedliche Koexistenz

Software-Entwickler waren bisher darauf angewiesen, unter Linux entwickelte Programme mühevoll für AIX zu portieren, wenn sie unter diesem Betriebssystem laufen sollten. AIX5L Linux Affinity und die AIX Linux Toolbox sollen die Portierung wesentlich erleichtern.

Nachdem die großen Unix-Hersteller Linux als kommerziell nutzbares Betriebssystem (an-)erkannt haben, bemühen sie sich, ihren eigenen Unix-Varianten einen gewissen Linux-Anstrich zu verpassen. Auch wenn der erste Hype vorbei ist - offenbar ist Linux immer noch hip. Die Ansätze der Unix-Großen sind dabei recht unterschiedlich - dieser Artikel beschäftigt sich mit dem von IBM.

Erinnert sich noch jemand an das Projekt Monterey? Angekündigt im Oktober 1998 sollte Monterey die Inkarnation von AIX auf Intels Itanium werden - als Gemeinschaftsprodukt von IBM, Intel und SCO. Ein Jahr später feierte man das erste Jubiläum [1]. Was dort den Eindruck machte, als ginge es Schlag auf Schlag, zog sich leider ziemlich zäh dahin, denn Itanium-Rechner gibt es bis heute nicht wirklich zu kaufen.

Irgendwann muss IBM die Wartezeit zu lange geworden sein, denn dringend war der Nachfolger für AIX 4.3.3 angesagt, und daher erklärte man das Ziel von Monterey mit AIX 5L im Oktober 2000 für erreicht [2]. Caldera/SCO hält sich damit etwas bedeckt und erklärt AIX 5L als ihr High-End-Betriebssystem oberhalb von Unixware. Compaq hat sich dem Vernehmen nach entschlossen, nach dem Verkauf der Alpha-Technologie sowohl Tru64 als auch AIX 5L auf iA64 anzubieten.

War IBM noch im Jahr 1998 bemüht die bereits erkennbare Bedeutung von Linux offiziell herunterzuspielen und stattdessen vehement auf Monterey zu verweisen, tauchte bereits ein Jahr später Linux als Toolbox für AIX 4.3.3 auf.

Positionierungsprobleme?

IBM tut sich nach wie vor etwas schwer, AIX und Linux widerspruchsfrei gegeneinander zu positionieren. So ist häufig die Rede von der viel gelobten Stabilität von AIX mit Journaling Filesystem - in der Hoffnung, der Zuhörer wüsste nicht, dass es für Linux inzwischen vier (fünf, wenn man Ext3 mitrechnet) journalbasierte Dateisysteme gibt, ebenso wie einen Logical Volume Manager (LVM), der dem LVM von HP/UX fast aufs Haar gleicht und daher vom AIX-LVM nicht allzu weit entfernt ist. Andererseits stehen den wenigen Monaten ReiserFS auf Linux acht oder zehn Jahre JFS auf AIX gegenüber und Linux kann zurzeit beispielsweise nicht mit 24 Prozessoren, 96 GByte RAM oder Dateigrößen von einem Terabyte aufwarten.

Richtig ist, dass Linux in den letzten Jahren einige wesentliche Eigenschaften hinzugewonnen hat, die es für kritische Einsätze befähigen. Was gegenüber AIX noch fehlt, ist eine sinnvoll skalierende Unterstützung für mehr als acht Prozessoren und Dinge wie der AIX-Errorlog, im Zusammenhang damit vereinheitlichte Fehlermeldungen der diversen Kerneltreiber oder eine einheitliche Systemadministrations-Oberfläche à la SMIT. Letzteres ist auch eine Folge der geliebten Freiheit, auch Open Source genannt.

Manchem sind vielleicht noch die Flamewars auf der Kernel-Mailingliste vor etwa zwei, drei Jahren geläufig, in denen Forderungen nach bestimmten Hochverfügbarkeits-Features mit dem Argument abgeschmettert wurden, Marketingaspekte zählten einen (Lieblings-Kraftausdruck hier einsetzen)-Dreck. Zwar kümmern sich heute kommerzielle Anbieter um die Umsetzung diverser Eigenschaften, aber hier kocht auch jeder sein eigenes Süppchen - und nicht immer stehen die Ergebnisse unter der GPL.

Monterey: Fast eine Bauchlandung

Aus der "Major UNIX operating system initiative" ist damit gerade mal die ohnehin erforderliche Nachfolgeversion von AIX geworden. Immerhin - und das ist im Zusammenhang mit Linux so interessant - gilt die Linux-Toolbox für AIX 5L als integraler Bestandteil und steht kostenlos zur Verfügung, wenn auch leider ohne Support [6]. Allerdings können sich Anwender mit Fragen und Bug-Reports an das Linux-Affinity-Team wenden [12].

Der Gedanke von IBM ist klar: Für Linux gibt es bereits massenhaft interessante Anwendungen und wenn es gelingt, Software-Anbietern die PowerPC-Plattform mit einer Linux-Entwicklungsumgebung schmackhaft zu machen, dann werden diese zu einem späteren Zeitpunkt ihre Programme vielleicht ganz nach AIX portieren, wenn sie beispielsweise Eigenheiten von AIX nutzen wollen, die Linux (noch) nicht bietet.

Auf iA64 wäre das sicherlich ähnlich interessant, schließlich lebt IBM immer noch zum größten Teil vom Hardwaregeschäft und den zugehörigen Services. AIX 5L für iA64 wird aber derzeit kaum beworben. Beispiel: In der Pressemitteilung zu AIX 5L [3] kommt iA64 nur am Rande und als Fußnote vor. Und auf der Download-Page [4] fehlt eine ganze Reihe Pakete, beispielsweise die nicht ganz unwichtigen Compiler und die Binutils als Binary für iA64. Einen runden Eindruck macht das jedenfalls nicht. Und auf der Webseite zu xSeries (ehemals Netfinity [5]) findet man auch keinen Hinweis - klar, es gibt noch keine fertigen iA64-Maschinen von IBM.

Abbildungen 1a, 1b: Je nachdem, wie man die MANPATH-Variable einstellt, erscheint bei »man cat« die Manualseite des GNU- oder des AIX-»cat«.

Abbildungen 1a, 1b: Je nachdem, wie man die MANPATH-Variable einstellt, erscheint bei »man cat« die Manualseite des GNU- oder des AIX-»cat«.

Programmier-Interface statt Emulator

Ungeachtet dieser etwas widersprüchlichen Historie hat IBM mit der Linux-Toolbox ein schönes Produkt abgeliefert, auf dem man sich als Linuxer sofort wohl fühlt. Das wichtigste Merkmal neben der eigentlichen Entwicklungsumgebung mit GCC 2.9.6 ist der Paketmanager RPM, der im AIX-eigenen LPP-Format (Licensed Program Product) zur Verfügung steht und sich daher nahtlos in die LPP-Datenbank einfügt. Alle anderen Pakete stehen allerdings als RPMs bereit und tauchen bei der Ausgabe aller LPPs mit »lslpp -l« mit dem Flag »R« für RPM auf.

Der GCC-Compiler stammt aus dem GNUPro-Toolkit von Cygnus Solutions (jetzt Teil von Red Hat) und trägt die Versionsnummer 2.9-aix43-010414 [13]. Dazu gehört natürlich auch ein Satz Header-Dateien und wenn der GCC als Übersetzer arbeitet, benutzt er fallweise Linux-APIs, AIX-APIs oder angepasste AIX-APIs.

Da Linux und AIX sich in diesem Punkt nicht so furchtbar unterscheiden, waren kaum Anpassungen notwendig. Eine Neu-Übersetzung ist aber immer notwendig; Linux-Binaries für Intel werden damit nicht auf Power-CPUs ablauffähig. Technische und andere Papiere zu Linux Affinity sind über die AIX-5l-Homepage [9] zu finden.

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