Open Source im professionellen Einsatz

Brave GNU World

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Diese Kolumne berichtet über aktuelle Entwicklungen innerhalb des GNU-Projekts und versucht, Einblicke in die zugrunde liegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: TINY, GNU Texmacs, CD-ROM Control, Saxogram, GNU Libiconv, Mozart/Oz, freie Software und 3D.Georg C. F. Greve

Willkommen zu einer weiteren Ausgabe der Brave GNU World. In diesem Monat gibt es wieder eine recht bunte Mischung und einen halb experimentellen Beitrag am Ende, der in Zusammenarbeit mit Bernhard Reiter entstand. Doch zunächst zum technischen Teil.

TINY, ein Mini-Linux (nicht nur) für Entwicklungsländer

Ziel des TINY-Projekts [5] ist eine minimale GNU-Linux-Distribution. Gestartet wurde es von Odile BŽnassy, wobei das vollständige Team noch Jean-Franois Martinez, Mathieu Roy und Roger Dingledine einschließt.

Der Name TINY steht für "`Tis Independence `N Yet", was eine Anspielung auf "Independence Linux" ist, das Hauptprojekt von Jean-Franois Martinez. Die Beweggründe für das Projekt waren dabei einerseits die persönliche Erfahrung einer mit Odile verwandten Lehrerin, in ihrer Schule GNU Linux einzuführen, wie auch der Gedanke, Entwicklungsländern die Chance zu geben, am Informationszeitalter teilzuhaben und von freier Software zu profitieren.

Deshalb wurde großer Wert auf möglichst geringe Hardware-Anforderungen gelegt. Die untere Grenze liegt zurzeit etwa bei einem 386 DX 33 ohne Festplatte. Natürlich gibt es gerade in den Entwicklungsländern andere, wichtigere Probleme, aber es gibt Projekte, die Elektrizität und Telefon auch in entlegenere Gebiete bringen wollen. Odile hat mit Wissenschaftlern und Ärzten gesprochen, die freiwillig in Afrika beim Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur helfen, um dafür zu sorgen, dass TINY den Anforderungen gerecht wird.

TINY basiert auf einer Slackware 4.0 und verwendet die Glibc2 sowie Kernel 2.2. Im Gegensatz zu manchen anderen Minimal-Distributionen ist TINY bei aller Minimalisierung voll einsatzfähig und eignet sich zur täglichen Arbeit. Es ist daher auch für Leute interessant, die einfach nur auf der Suche nach einem kleinen GNULinux-System sind.

Die Distribution lässt sich erfolgreich installieren, wie auch die Meldungen auf der sechssprachigen Homepage [5] belegen. Allerdings wären eine ausführlichere Dokumentation und eine längere und besser gepflegte Applikationsliste wünschenswert.

Aufgrund akuten Zeitmangels steht das Projekt im Moment still. Zudem fehlt ausreichendes Feedback von Benutzern aus Entwicklungsländern. Das aktuelle Team wünscht sich daher die Übernahme des TINY-Projekts durch eine neue Gruppe, der es jegliche Hilfe und Unterstützung gewähren würde. Wem daran gelegen ist, anderen Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, der findet in dem TINY-Projekt sicherlich eine gute Grundlage. Doch auch anderen Interessenten an Minimaldistributionen sei ein Blick auf TINY empfohlen.

GNU Texmacs

GNU Texmacs [6] ist ein wissenschaftlicher What-you-see-is-what-you-get-Texteditor auf der Basis freier Software. Inspirieren ließ sich Autor Joris van der Hoeven dabei von GNU Emacs und Latex, wie der Name bereits vermuten lässt.

Anders als das zunächst verwandt erscheinende Projekt Lyx [7] handelt es sich bei GNU Texmacs jedoch nicht um ein Latex-Front-End, es ist ein eigenständiges Projekt. Die Inspiration bezieht sich vielmehr einerseits auf die Satzqualität und die Möglichkeiten zur Formeldarstellung, bei denen Latex bisher unbestritten führend war, andererseits auf die Erweiterbarkeit von Emacs.

Wissenschaft in Wysiwyg: Texmacs hat nicht nur einen coolen Namen, sondern bringt alles mit, um die Eingabe komplexer Formeln zu erleichtern.

Wissenschaft in Wysiwyg: Texmacs hat nicht nur einen coolen Namen, sondern bringt alles mit, um die Eingabe komplexer Formeln zu erleichtern.

Texmacs verwendet die Tex-Zeichensätze und enthält auch Import-/Exportfilter für Tex-/Latex-Dokumente. GNU Texmacs ist in C++ mit Guile/ Scheme als Erweiterungssprache geschrieben. Das Benutzerinterface kann über Guile-Anweisungen angepasst werden. Gleichzeitig erlaubt es Texmacs, wissenschaftliche Berechnungen direkt auszuführen, da es über Schnittstellen zu Maxima, Pari GP, GTybalt, Yacas, Macaulay 2, Mupad und Reduce verfügt. Die Schnittstelle zu Scilab sollte ebenfalls bald fertig sein und weitere Schnittstellen sind leicht zu implementieren.

Kombiniert mit der geplanten Erweiterung zu einem kompletten XML-Editor bietet Texmacs interessante Perspektiven für interaktive mathematische Dokumente im Internet. Dank professioneller Satzqualität, eines guten Antialiasing der Tex-Zeichensätze, der Möglichkeit strukturierter Dokumente und des Potenzials für dynamische Makros und Style-Files bietet GNU Texmacs gerade dem wissenschaftlichen Anwender viele Möglichkeiten.

Texmacs geht fremd: Russische Menüs, im Textfenster Zeichensätze von Gotisch bis Georgisch.

Texmacs geht fremd: Russische Menüs, im Textfenster Zeichensätze von Gotisch bis Georgisch.

Derzeit steht das Projekt kurz vor Version 1.0, nachdem Joris van der Hoeven, Andrey Grozin, Thomas Rohwer und einige andere bereits seit etwa vier Jahren daran arbeiten. Noch nicht vollständig implementierte Features, verbesserungsfähige Filter für Latex-Dokumente sowie eine zu kurze Dokumentation - die unmittelbaren Pläne sehen vor, diese Probleme zu beseitigen und eine Version 1.0 zu veröffentlichen.

Auf längere Sicht sollen dann Tabellenkalkulation und XML-/HTML-Erweiterungen hinzukommen. Zukunftsmusik ist die Portierung auf Nicht-Unix-Plattformen sowie die Erweiterung zur Erstellung technischer Zeichnungen. Hilfe ist dabei in jeglicher Form willkommen.

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