Open Source im professionellen Einsatz

Brave GNU World

Diese Kolumne berichtet über aktuelle Entwicklungen innerhalb des GNU-Projekts und versucht, Einblicke in die zugrunde liegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: GNU Pipo BBS, Larswm, GNUstep, W3Make, OpenWebSchool und das Update zur Free Software Foundation Europe.

Willkommen wieder einmal in Georgs Brave GNU World. Auch in diesem Monat habe ich ein paar Projekte herausgesucht, die sicherlich noch vielen unbekannt sein dürften.

GNU Pipo BBS

Wer glaubt, Bulletin Board Systems (BBS), früher auch als Mailboxes bezeichnet, gäbe es nicht mehr, der irrt. Im GNU-Projekt befindet sich mit dem GNU Pipo BBS [5] ein solches System unter der GNU General Public License.

Die Abstammungslinie der GNU Pipo BBS reicht über YAWK (Yet Another Wersion of Citadel) zu Citadel zurück, obwohl es vom Code vollständig unabhängig ist. Tatsächlich war es ein Copyright-Streit mit Kenneth Haglund, dem Autor von YAWK, der zur Entstehung der GNU Pipo BBS führte.

Das ursprüngliche Entwicklerteam bestand aus GrŽgory Vandenbrouck und SŽbastien Aperghis-Tramoni, die mit Hilfe anderer Entwickler wie SŽbastien Bonnefoy an der Pipo BBS arbeiteten. Mit GrŽgorys Rücktritt übernahm SŽbastien Aperghis-Tramoni das Projekt als Maintainer.

Die GNU Pipo BBS bietet (Support-) Foren, Nachrichten, Mail, Chat, Web-Zugriff und Bots. Letztere liegen zum Amüsement der Benutzer in unterschiedlichen Persönlichkeiten vor, so gibt es zum Beispiel einen Papagei, einen Hund und einen Pseudo-Benutzer. Bemerkenswert finde ich dies vor allem, weil derart erweiterte BBS-Systeme Benutzern eine interessante Alternative zu Web-Portalen als Heimatbasis im Netz bieten können.

Die GNU Pipo BBS ist für den täglichen Einsatz geeignet und wird beispielsweise von der Atlantis BBS im französischen Marseilles eingesetzt. Da jedoch viel alter Code im Spiel ist, plant SŽbastien einen Code-Freeze, um den Code einer Revision zu unterziehen. Speziell verfügbare Libraries sollen verstärkt benutzt werden, da an manchen Stellen das Rad neu erfunden wurde, was die Wartbarkeit der Software deutlich einschränkt.

Die echte Schwachstelle ist jedoch die Dokumentation: Das System verfügt zwar über mehrsprachige Systemmeldungen, doch der Code muss besser dokumentiert werden. Zudem benötigen Homepage und Anleitung sowohl Autoren wie Übersetzer.

Larswm

Der Larswm [6] ist ein aus mehreren Gründen sehr interessanter Window- Manager von Lars Bernhardsson. Zunächst einmal wird er die Puristen begeistern, da er sehr schlich daherkommt und außerordentlich sparsam mit den Ressourcen umgeht. Dazu passt auch, dass er ausschließlich auf ANSI C mit Standard Xlib-Funktionen aufbaut und auf den Einsatz von Widget-Bibliotheken wie Gtk+ oder Qt verzichtet.

Bei Larswm braucht es keine Rahmen um die Fenster, das Managen der Fenster übernimmt der Window-Manager.

Bei Larswm braucht es keine Rahmen um die Fenster, das Managen der Fenster übernimmt der Window-Manager.

Doch viel interessanter ist noch, dass er eine Alternative zu den bekannten Windows-artigen Desktops bietet. Deren Benutzerführung verlangt nach meiner Meinung innovative Konzepte. Auch die freien Alternativen KDE oder Gnome beschränken sich darauf, die Windows-Oberfläche nachzubilden, wobei sich KDE noch stärker an dem Original orientiert, als es Gnome tut. Das ist sicherlich kein Argument gegen KDE oder Gnome, erleichtert es doch vor allem den Umsteigern die Eingewöhnung in GNU/Linux und eröffnet Perspektiven, die vorher verschlossen waren.

Dennoch bietet sich gerade GNU/ Linux als Plattform für innovative Benutzerinterfaces an und der Larswm versucht - getreu seines Mottos: Because managing windows is the window manager's job! - hier neue Ansätze zu liefern.

So ist das Fenster in zwei Sektionen geteilt. Die größere linke Sektion enthält im Normalfall genau ein Fenster, das den Fokus besitzt, also die Tastatureingaben zugeordnet bekommt. Auf der rechten Seite befinden sich die restlichen Fenster als gleich große Fliesen beziehungsweise Tiles; daher wird der Larswm auch als "Tiled Window Manager" bezeichnet.

Dabei wird auch die Tastatur voll unterstützt - verzichtet man auf Applikationen, die die Maus benötigen, müssen die Finger zu keinem Zeitpunkt von der Tastatur genommen werden.

Der Larswm ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, doch besitzt er zu Recht eine treue Fangemeinde und wer sich gerne mal mit alternativen Konzepten beschäftigen möchte, dem kann ich nur empfehlen ihn auszuprobieren.

Ein Manko jedoch hat der Larswm: Da er vom 9wm abstammt, übernimmt er (zwangsweise) dessen unschöne Lizenz. So spricht die Lizenz zwar von freier Software, doch es gibt unter anderem einige Klauseln, die sie inkompatibel mit der (L)GPL machen dürften. Zudem ist die Lizenz deutlich schwächer, da sie nur implizit das Recht auf Veränderung gewährt - ebenso wie den Schutz der Freiheit.

Das Projekt ist für den Autor seit Januar 2001 bereits abgeschlossen - auch weil ihm die Zeit fehlt. Es war von Anfang an eher als Experiment ausgelegt, um seine Vorstellungen von der Benutzerführung auszuprobieren. Daher hofft er auch darauf, die 9wm-Teile irgendwann durch eigenen Code ersetzen zu können, damit der Larswm zu einem eigenständigen Window-Manager wird. Das könnte auch das Lizenzproblem lösen. Lars versucht durch Larswm andere Autoren von Window-Managern zu inspirieren.

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Ausgabe 07/2013

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