Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 04/2001

Ximian Gate oder der Aufstand im Linux-Dschungel

Tom's Readme

Wir werfen wie jeden Monat einen Blick auf aktuelle Linux-Entwicklungen und hoffen, den Freaks und Geeks ein paar interessante Anregungen liefern zu können.

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Kurz nach fünf im Linux-Urwald. Eine Gruppe abenteuerlustiger Ximian-Bonobos hat sich gerade den Bauch mit leckeren Früchten vollgeschlagen und sucht nach einer neuen Beschäftigung. Immer nur Sex (die Bonobos sind in dieser Hinsicht sehr aktive Tiere) und Pango/Gtk+-2.0-Code studieren, bringt's auch nicht. Ein bisschen Abwechslung sollte schon sein, zumal die Arbeit an Gnome 2.0 sehr anstrengend ist. Wie wär's, meinte plötzlich einer der Anwesenden, wenn wir die Korillas etwas ärgern. Mit der neuen Version 2.1 ihres KDE-Desktops machen die sich ganz schön breit hier!

Gesagt, getan. Beim benachbarten Stamm der Suchmaschinen-Primaten, den Googles, wurde man fündig und machte von deren Suchmaschinen-Feature Gebrauch, zu bestimmten Suchwörtern die passende Werbung (beispielsweise für Gnome oder Ximian) einzublenden. Leider befanden sich darunter auch Begriffe wie KDE, DCOP, Konqueror und sogar Troll Tech, was den Korillas gar nicht schmeckte. Das war schließlich ein Einbruch in ihr Territorium.

Und so aktivierte man kurzerhand alle verfügbaren Buschtrommeln, um der Sache ein Ende zu bereiten. Interessanterweise versagte die größte davon, nämlich Slashdot, was irgendwie zu denken gibt, da sie in der Regel einwandfrei funktioniert. Kurt Granroth und Andreas Pour bekundeten ihren Ärger aber auf einer eigenen Trommel. Nach ersten Abblockversuchen durch Nat Friedman, CEO von Ximian, kam es zu einer friedlichen Einigung: Ximian verzichtet auf diese und ähnliche Werbemaßnahmen für Gnome. So kehrte wieder Ruhe im Linux-Urwald ein. Die Ximian-Bonobos wollen sich nach dem Essen doch lieber etwas ausruhen und dann wieder programmieren.

Die Moral von der Geschicht'

Und noch ein paar Dinge lernt man daraus: Erstens gibt es keine Linux-Geheimaktionen im Internet. Irgendjemand stolpert immer drüber um - je nach Wichtigkeit - die Alarmglocken klingeln zu lassen. Die Buschtrommeln funktionieren ganz prima, gerade beim Thema Linux.

Zweitens ist die Linux- und Open-Source-Gemeinde eine virtuelle Zusammenkunft von Leuten, über die sich niemand mit oberneunmalklugen Aktionen stellen kann. Den Imageverlust und die zornigen Reaktionen kann sich niemand wirklich leisten. Der Bonus, den man sich über die Jahre erarbeitet hat, kann in Sekundenbruchteilen verpuffen, egal wie viel Joint-Venture-Kapital man in der Hinterhand hat oder wie viele positive Dinge schon in der Liste der guten Taten stehen.

Drittens würden wir gut daran tun, den Linux-Urwald nach außen hin zu schützen und ihn nicht noch selber abzuholzen. Den Windows-Bulldozern sollte man die Arbeit wirklich nicht so leicht machen.

Ein interessantes Projekt wäre beispielsweise die weltweite Ausstrahlung eines gemeinsam erstellten Linux-Werbespots, der so witzig und überzeugend ist, dass er sogar eine Chance hätte, eine Nominierung für die berühmte Cannes-Rolle zu erhalten. Allerdings: Die vielen Linux-Lobbyisten für diese Aufgabe unter einen Hut bringen - das dürfte mittlerweile nur etwas für starke Nerven sein. Dieser Werbespot darf nämlich keine Personen, Firmen, Organisationen oder sonstige Vorlieben in den Vordergrund stellen, sondern soll nur ein positives Gefühl für freie Software, Standards und Ideen bei technisch Interessierten vermitteln.

Doch genug philosophiert, wenden wir uns jetzt neuer Hardware und Software zu, die jeden Tag aufs Neue für Überraschungen sorgt.

Gcc und ein paar Bücher

Ein wichtiger Meilenstein dürfte dieses Jahr, neben der stabilen Kernel-2.4.*-Reihe, das Erscheinen von Gcc 3.0 sein. Sein Entwicklerteam hat sehr hohe Qualitätsanforderungen an diese Software gestellt, die ohne Wenn und Aber bei der nächsten Version erfüllt sein müssen. Zuverlässige Prognosen lassen sich also nur sehr schwer machen.

Mit Sicherheit ist aber zu erwarten, dass Gcc 3.0 - so wie schon damals der Umstieg auf das ELF-Binärformat und die Adoption von Glibc2 - wesentlich zur Stabilisierung der Linux-Plattform beitragen wird (unter anderem im C++-Bereich, aber auch generell für neue Architekturen).

Wenn die IBMs, SGIs und Compaqs dieser Welt hier ein paar Millionen reinpumpen, so ist das gut angelegtes Geld, denn Compiler-Entwicklung ist nicht gerade das, was die meisten Leute gerne machen. Dennoch steht und fällt Linux damit, denn was nützt der beste Code, wenn er auf unterster Ebene fehlerhaft oder instabil umgesetzt wird.

Wer den Linux-Kernel-Code etwas besser verstehen will, wird sicherlich am neuen O'Reilly-Buch "Understanding the Linux Kernel" (ISBN: 0-596-00002-2) von Daniel P. Bovet und Marco Cesati seine Freude haben. Dort werden unter anderem Speicheradressierung, Prozesse und deren Scheduling, Interrupt-Behandlung, Memory-Management, System Calls, Signale, IO, Disk Caches und das Linux-Virtual-Filesystem unter die Lupe genommen, um nur ein paar Themen dieses fast 700-seitigen Buches zu erwähnen. (Es wurde kurz in der letzten Ausgabe des Linux Magazins besprochen.)

Etwas weniger schwergewichtig, aber mit ähnlichem Inhalt und gut als Begleitmaterial für Linux-Kernel-Kurse geeignet ist "Kernel Projects for Linux" von Gary J. Nutt, das bei Addison-Wesley (ISBN: 0-201-61243-7) erschienen ist. Und weil's so schön ist, sei noch auf das Büchlein "Linux Kernel Module Programming Guide" von Ori Pomerantz bei iUniverse.com hingewiesen (ISBN: 0-595-10042-2). Es beschreibt in aller Ausführlichkeit, wie man Kernel-Module für Linux schreibt.

Um unsere Bücherregale mit Literatur über Skriptsprachen aufzustocken, gibt's noch drei Empfehlungen: erstens für die 2. Auflage von "Python 2" von Martin von Löwis und Nils Fischbeck (Addison-Wesley, ISBN: 3-8273-1691-X, 610 Seiten), zweitens für "Core Python Programming" von Wesley J. Chun (Prentice Hall; ISBN: 0-1302-6036-3, 810 Seiten) und drittens für "Python: Developer's Handbook" von Andre Dos Santos Lessa und Andre S. Lessa (SAMS; ISBN: 0-672-31994-2, 929 Seiten). Es handelt sich um drei sehr unterschiedliche Bücher zur objektorientierten Skriptsprache Python, die das Herz jedes Fans erwärmen.

Ein bisschen was zum Lesen.

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