Aus Linux-Magazin 04/2001

Embedded Systems in Nürnberg

Der Linux-PDA-Prototyp von NEC

Gab es im letzten Jahr noch Zweifel, ob sich der Erfolg von Linux auch im industriellen Sektor fortsetzen würde, so kamen diese beim diesjährigen Branchentreff auf der Embedded Systems in Nürnberg schon gar nicht mehr auf.

Mehr als 9000 Besucher, 362 Aussteller, 13700 m2 Ausstellungsfläche – das sind die nackten Fakten der Embedded Systems 2001. Während im letzten Jahr alle Aussteller, die Linux in ihrem Programm hatten, noch deutlich in der Minderheit waren, gab es nun kaum noch eine Firma, die keinen Pinguin an ihrem Stand vorweisen konnte.

Allerdings ist der Trend noch mit Vorsicht zu genießen – die Zahl derer, die lediglich mit Werbeaussagen wie “Linux läuft auch auf unserer Hardware” glänzen konnten, ist nach wie vor recht hoch. Es war aber erfreulich zu sehen, dass der Informationsstand der Unternehmen immer besser wird. Linux hat damit klar die Hacker-Ecke verlassen und Einzug in die Strategiepläne der Embedded- und Automatisierungsfirmen genommen.

Von Meilhaus Electronic wird derzeit die Unterstützung für ihre Boards im Bereich Messkarten und FibreChannel aufgebaut. Wie fast überall wurde auch hier der Trend erkannt, und es wurden kürzlich eigene Mitarbeiter für den Bereich Linux eingestellt.

Traditionell ist die Bildverarbeitung auf der Messe stark vertreten. Am Stand von Feith Sensor to Image wurde ein ColdFire-basiertes Framegrabber-System mit µCLinux präsentiert. Gleiches gilt für Phytec – auch hier werden mehr und mehr Video-Framegrabber mit Linux-Treibern oder zumindest offen gelegten C-Quellen ausgeliefert.

Ebenfalls bei Phytec wurde ein neues Board zur Kompression von Video-Daten vorgestellt, das für Überwachungsaufgaben gedacht ist.

Auch die Firma Leutron Vision bietet inzwischen Treiber für alle Framegrabberkarten aus dem Lieferprogramm an. Hier waren vor allem die modularen Mini-PCs von Interesse, die in eine Kamera integriert werden.

Der Linux-PDA-Prototyp von NEC

Der Linux-PDA-Prototyp von NEC

Tuxia Embedded System Entwicklungskoffer

Tuxia Embedded System Entwicklungskoffer

Feld-, Wald- und Wiesen-Busse

Bei den Feldbussen tut sich etwas: Hilscher implementierte eine einheitliche Schnittstelle für praktisch alle verfügbaren Feldbusse unter Linux. Der Anwender kann also mit einem einzigen Treiber arbeiten, der dann alle von Hilscher vertriebenen Schnittstellen unterstützt. Ebenfalls aktiv ist hier die Firma Janz, welche Support für ihre CAN-Boards liefert.

Auch für FireWire, eine Implementation des IEEE 1394-Standards, zeigen sich mehr und mehr industrielle Lösungen. Und das obwohl anfangs FireWire vor allem für Video-Übertragung interessant war. IMMS führte ein Steuersystem vor, das mit IP-over-1394-Technologie arbeitet und auf diese Weise echtzeitfähige Kommunikation ermöglicht.

Die meisten Anbieter von Industrie-PCs haben sich inzwischen entweder Partnerfirmen gesucht, die für sie den Linux-Support übernehmen, oder sie haben selbst Kompetenzen aufgebaut – so gesehen bei Advantech, MAZeT und dem CompactPCI-Hersteller MEN. Der bot zum Beispiel in Zusammenarbeit mit MontaVista Linux auf seinen x86- und PowerPC-CompactPCI-Boards an. Das ist wegen der Möglichkeit zur Backplane-Kommunikation vor allem für netzwerkintensive Cluster-Anwendungen von Vorteil.

PowerPCs stärker vertreten

PowerPCs verbreiten sich inzwischen stärker. Neben DENX Software Engineering, die am Stand von “TQ Components” Boards von der Größe einer halben Scheckkarte zeigten, wurden auch bei CC&I, NAT und anderen Firmen Rechner mit dieser Architektur gesichtet. Überhaupt scheinen sich Plattformen abseits der Intel-Schiene langsam zu etablieren, so zu sehen bei den ARM-Boards mit NetSilicon Prozessor und den ARM Rechnern mit Linux- und eCos-Support bei Sunrise.

Nicht nur der Industrie-PC-Markt, sondern auch die klassischen Mikrocontroller bekommen dank Linux neue Möglichkeiten. SSV Embedded Systems stellte seinen DIL/NET-PC gleich in mehreren Varianten vor, die sowohl für Anwendungen mit als auch ohne externen Erweiterungsbus tauglich sind.

CC&I führte am seinem Stand Debugger mit JTAG Interface vor, mit deren Hilfe es möglich ist, mit gdb remote Programme auf der Zielplattform zu untersuchen. Ebenfalls mit einem Hardware-Debugger war Lauterbach Datentechnik vertreten. Für Echtzeit-Programme bietet sich hingegen der Realtime-Debugger von CAD-UL an, ein leistungsfähiges Tool zur Untersuchung von Kernelmodulen für RT-Linux und RTAI.

Der Bereich PDAs war auf der Hardware- und industrieorientierten Messe nur schwach vertreten. Bei NEC war ein Prototyp eines MIPS-basierten Linux-PDAs zu finden; die Firma Lisa stellte auf dem Linux-Forum Lösungen für Compaqs iPaq vor.

Lisa liefert mit dem Linux-basierten iPaq eine CD-ROM mit, die neben einer Cross-Entwicklungsumgebung für x86-basierte Linux-Rechner auch Versionen von vier Linux-Distributionen für den iPaq als Flash-Imagedateien und im Sourcecode enthält: Qt/Embedded, X11 (handhelds.org), MicroWindows (Censoft) und PocketLinux. Die Qt/Embedded-Version kann dabei schon mit der Portierung des KDE2-Browsers Konqueror auf den iPaq aufwarten.

Ein interessanter Ansatz zur Integration von Echtzeit-Betriebssystemen mit einem Linux-System wurde von der Firma OnCore vorgestellt. Basierend auf einem Microkernel wird hier nicht nur ein Linux-Kernel als Betriebssystem-Persönlichkeit verwendet, es stehen vielmehr auch Emulationen verschiedener Echtzeitbetriebssysteme zur Verfügung und zusätzlich eine “Linux-Library”, die es ermöglicht, für bestimmte Anwendungen nur eine Teilfunktionalität des Linux-Kernels zu verwenden, was natürlich Speicher einspart. Das System ist für diverse PowerPC- und x86-Prozessoren verfügbar.

Linux-Firmen waren in der Halle für Betriebssysteme besonders stark vertreten. Hier präsentierten sich vor allem die Dienstleister wie LynuxWorks, Sysgo Realtime Solutions, 4D Engineering, MontaVista und Lineo. Treffen konnte man auch die Firma Tuxia, die sich auf Linux-Lösungen für Internet Appliances spezialisiert und den Prototyp eines kompletten Linux-Entwicklungskoffers vorstellte, der ein modulares, x86-basiertes Board mit Flash-ROM und diversen Ein-/Ausgabemöglichkeiten und ein LC-Display zur Verfügung stellt.

Die Vorträge auf dem Forum der Linux New Media waren immer begehrt.

Die Vorträge auf dem Forum der Linux New Media waren immer begehrt.

Software für Settop-Boxen

Besonderes Merkmal ist der grafische Systembuilder, der es unter Kontrolle des freien Flash-Speicherplatzes ermöglicht, die gewünschten Komponenten eines Embedded Linux für Settop-Boxen und ähnliche Anwendungen zusammenzuklicken.

Immer überlaufen war das Linux-Forum, das von der Linux New Media organisiert wurde. Nach wie vor ist der Bedarf an Information beim Fachpublikum groß.

Der erste Schritt hin zur Etablierung von Linux in der Industrie ist vollbracht. Die Hersteller von Boardlevel Produkten bieten inzwischen meist Linux wie jedes andere Betriebssystem als festen Bestandteil ihrer Produktpalette an und liefern auch Support auf System-Ebene. Wie lange es dauern wird, bis die ersten Embedded-Linux-Produkte bei Saturn, Hertie und Karstadt in den Regalen stehen, wird die Zukunft zeigen. ( tfr)

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