Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 04/2001

Brave GNU World

Diese Kolumne berichtet über aktuelle Entwicklungen innerhalb des GNU Projektes und versucht, Einblicke in die zugrundeliegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: GNU-Darwin, Get_file, GNU Global, HeaderBrowser, GNUTLS und GNU.FREE Georg C. F. Greve

886

Willkommen zu einer weiteren Ausgabe von Georg's Brave GNU World. Diesen Monat macht ein Versuch den Anfang, GNU in die Apple-Welt zu tragen.

GNU-Darwin

Das GNU-Darwin [5] Projekt beschäftigt sich damit, das GNU-System nach Darwin [6] zu portieren, dem Kern des proprietären MacOS X. Darwin basiert auf FreeBSD und Mach 3.0 und läuft momentan auf PowerPC-Architekturen. Apple arbeitet jedoch auch an einer Portierung für die Intel-Architekturen.

Somit wird nach GNU/Linux und GNU/Hurd bald ein drittes GNU-basiertes System verfügbar sein.

Natürlich besteht der Sinn von GNU-Darwin nicht darin, die Nutzung von proprietärer Software zu fördern. Es soll vielmehr eine weitere Brücke zwischen Macintosh-Plattform und freier Software schaffen. Dem Anwender wird schnell klar werden, dass es für seinen Rechner mehr freie als proprietäre Software gibt.

Software, die auf GNU-Darwin entwickelt wurde, ist deutlich besser für die Interoperabilität mit MacOS X geeignet und kann daher freie Software stärker in die Macintosh-Welt hineintragen.

Die große Menge verfügbarer Unix-basierter freier Software sowie die einzigartigen Möglichkeiten für heterogene Strukturen und parallele Entwicklung sind schlagkräftige Argumente dafür, sich für GNU-Darwin anstatt MacOS X zu entscheiden.

Auf der anderen Seite bietet GNU-Darwin dem LinuxPPC-Projekt gegenüber etliche Vorteile, weshalb im Moment eine Benutzermigration zu GNU-Darwin beobachtet werden kann. Zunächst mal ist GNU-Darwin (wie auch GNU/Hurd) Microkernel-basiert und besitzt dadurch Fähigkeiten, die der Linux-Kernel nicht besitzt. Weiterhin wird der Hardware-Support für Darwin direkt von Apple gewährleistet und gefördert, da es auch die Basis für Mac OS X darstellt. Es ist hier also eine bessere Unterstützung zu erwarten.

Doch wie so oft gibt es auch hier ein leider relativ großes Problem: Obwohl die Beiträge des GNU-Darwin-Projektes der GNU General Public License unterstehen, ist Darwin selber von Apple unter der Apple Public Source License (APSL) herausgegeben worden.

Diese qualifizierte sich in Version 1.1 aus drei wichtigen Gründen [7] nicht als freie Software:

Zunächst einmal war untersagt Modifikationen für den Hausgebrauch zu machen, ohne diese öffentlich zu machen. Das Recht, Dinge nur für den persönlichen Gebrauch ändern zu können, hängt nach Verständnis des GNU-Projektes eng mit dem Recht auf Privatsphäre zusammen, weshalb die GNU General Public License dies bewusst zugesteht.

Zudem waren der Entwickler und auch nicht-wissenschaftliche Anwender einer modifizierten Version gezwungen, eine bestimmte Organisation - in diesem Fall Apple - zu informieren. Diese zentrale Kontrolle widerspricht dem Gedanken freier Software.

Und schließlich gab es eine Klausel, die es Apple erlaubt, die Lizenz zurückzuziehen sofern Copyright- oder Patentklagen gegen Apple eingereicht werden, was jeden Anwender auf dieser Welt abhängig von dem extrem problembehafteten US-Patentsystem macht.

In der im Januar 2001 herausgegebenen Version 1.2 der APSL ist ein großer Teil der Probleme gelöst worden. Die Möglichkeit, private Änderungen nicht veröffentlichen zu müssen, gibt es jedoch immer noch nicht, und die damit verbundene Missachtung der Privatsphäre auch besteht weiterhin.

Die APSL nähert sich schrittweise von der proprietären Seite der NPL an, die eindeutig eine freie Software-Lizenz ist, wenn sie auch eine vollständige Proprietarisierung des Codes duldet. Würde die APSL mit der NPL gleichziehen, so wäre das noch immer unschön, da sie auch dann noch inkompatibel mit der meist verwandten Lizenz für freie Software, der GPL, wäre.

Die Situation ist also durchaus mit dem Status von KDE vor wenigen Jahren vergleichbar. Auch hier geht es um ein sauberes Free-Software-Projekt, welches auf einem schwachen Fundament aufbaut und somit Gefahr läuft, durch juristische Probleme gekippt zu werden.

Daher setzt sich das GNU-Darwin-Projekt auch dafür ein, Darwin unter der GNU General Public License herauszugeben. Zu diesem Punkt bittet Michael L. Love, einer der Mitwirkenden, um Unterstützung aus der Community, da nach Verständnis der Entwickler GNU-Darwin erst dann wirklich frei ist, wenn Darwin der GPL untersteht.

Die technischen Aufgaben in nächster Zukunft umfassen die Portierung weiterer Pakete nach GNU-Darwin sowie die Erstellung einer CD-Distribution. Auf lange Sicht sollen dann die speziellen Fähigkeiten von GNU-Darwin für interessante Projekte verwandt werden.

Da das Team im Moment nur aus sechs aktiven Entwicklern besteht, bietet sich hier Interessierten ein weites Betätigungsfeld. Speziell Entwickler mit Erfahrung in Sachen Mozilla, SDL, Gnome und Audio-Support (ALSA) werden im Moment mit offenen Armen empfangen.

Damit komme ich zu einigen kleineren, aber dennoch sehr nützlichen Projekten.

Get_file

Von Daniel E. Singer stammt Get_file [8], ein einfacher, in Bourne Shell geschriebener Fileselector. Der Nutzen des Projekts ist jedem sofort ersichtlich, der einmal in eigenen Shell-Skripten eine Fileauswahl durch den Benutzer treffen lassen wollte. Dies ist sicherlich der Hauptzweck von Get_file und daher wird es normalerweise durch andere Skripte aufgerufen - es kann jedoch auch als Kommandozeilen-Werkzeug eingesetzt werden.

Da es komplett als Bash-Skript vorliegt, muss es nicht kompiliert werden und ist einfach anzupassen. Es verfügt zudem über die Möglichkeit, Escape-Sequenzen verschiedene Arten von realen oder selbsterstellten Objekten zuzuordnen, kann File-Modes ändern, Programme ausführen und mit Wildcards umgehen. Zudem besitzt es eine Online-Hilfe. Auch wenn es als Shellskript nicht sehr effizient ist, so dürfte dieses Projekt doch vor allem für "On the fly"-Lösungen durchaus seine Vorteile besitzen.

Auch Gimp läuft schon auf GNU-Darwin.

Linux-Magazin kaufen

Einzelne Ausgabe
 
Abonnements
 
TABLET & SMARTPHONE APPS
Bald erhältlich
Get it on Google Play

Deutschland

Ähnliche Artikel

  • Kyuba: Ein neues Init-System in den Kinderschuhen

    Das Open-Source-Projekt Kyuba hat die erste öffentliche Version seines gleichnamigen Init-Systems freigegeben.

  • Crosstool-NG 1.7.0 für Blackfin und MIPS64

    Der freie Toolchain-Generator Crosstool-NG unterstützt in Version 1.7.0 mehr Prozessoren und aktualisiert die Software.

  • Ein langer, ruhiger Fluss

    Firmen und Privatkunden, die mit Linux Video übers Internet streamen wollen, verirren sich schnell im Dschungel der Codec-Alphabete. Auch die Softwarelandschaft ist unübersichtlich.

  • Brave GNU World

    Diese Kolumne berichtet über aktuelle Entwicklungen innerhalb des GNU-Projekts und versucht, Einblicke in die zugrunde liegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: GNU Grep, GNU UnRTF, QTreemap, Dap, GNUComm, GNU ccRTP, ccAudio, ccScript.

  • Brave GNU World

    Diese Kolumne berichtet über aktuelle Entwicklungen innerhalb des GNU-Projektes und versucht, Einblicke in die zugrundeliegende Philosophie zu vermitteln. In dieser Ausgabe: GCompris, FSFE - freie Software und Bildung, Chemical Development Kit, Alma und Libgcrypt.Georg C. F. Greve

comments powered by Disqus

Ausgabe 11/2017

Digitale Ausgabe: Preis € 6,40
(inkl. 19% MwSt.)

Stellenmarkt

Artikelserien und interessante Workshops aus dem Magazin können Sie hier als Bundle erwerben.