Open Source im professionellen Einsatz
Linux-Magazin 02/2001

Das ArsDigita Community System

Stadtgespräche digital

ACS ist ein Werkzeug für Aufbau und Pflege von OnlineCommunities, also der Spezialfall eines Web Application Servers. Das ursprüngliche System arbeitet mit Oracle und dem AOL-Webserver, daneben gibt es OpenACS für Postgres und Apache.

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Das ArsDigita Community System [1] (ACS) fällt etwas aus dem Rahmen. Es erfüllt typische Aufgaben eines Web Application Servers, wird aber nicht so bezeichnet. Es ist auf den Aufbau und die Pflege von Web-Communities fokussiert. Damit sind jedoch nicht nur die typischen offenen Communities im WWW gemeint, sondern der ganze Bereich projektorientierter Teamarbeit in über den Globus verteilten Arbeitsgruppen.

ACS ist mit seinen zirka 50 Modulen das umfangreichste freie Web-Standard-Softwarepaket. Seine Entstehung geht auf eine mehrwöchige Reise zurück: 1993 fährt der MIT-Dozent und Foto-Fan Philip Greenspun mit nach Alaska. Jede Woche schreibt er ein Kapitel über seine Reiseerlebnisse und veröffentlicht sie im Internet. Kurz nach seiner Rückkehr erscheint Mosaic, der erste Web-Browser, das Internet wird multimedial: Philip fügt den Reiseberichten seine Bilder hinzu. Um die vielen E-Mails zu beantworten, baut er ein System, das ihm diese Arbeit erleichtert.

In den nächsten drei Jahre erweitert er die Software von Photo.net zur Community-Software. Die Geschichte des Systems ist gut dokumentiert in "Philip and Alex's Guide to Web Publishing" [2]. Philip spricht dort alle Techniken an, die beim Aufbau eines Web-Service benötigt werden.

Das Erbe der Vergangenheit - Oracle und TCL

Philip Greenspun entschied sich damals, folgende Technologien einzusetzen: den später in AOLServer umbenannten NaviServer, Oracle und TCL. Für den AOLServer sprach von Beginn an der integrierte TCL-Interpreter, so dass die Seitengenerierung multithreaded innerhalb des Webservers ablaufen kann. Beim Starten eines AOLServers werden die Datenbank-Connections geöffnet und während der Laufzeit offen gehalten, eine sonst sehr zeitaufwändige Operation. Seit einigen Jahren ist der AOLServer frei und Open Source.

Für Oracle entschied sich Greenspun vor allem wegen folgender Vorteile:

  • Oracle verwendet eine interne Versionsverwaltung, so dass lesende nie auf schreibende Transaktionen warten müssen und umgekehrt.
  • Oracle hat eine komplette Programmierumgebung innerhalb des Datenbankservers. Software, die innerhalb der Datenbank selbst läuft, braucht keine Daten zwischen Datenbank- und Webserver zu übertragen.
  • Oracle ist extrem stabil und sehr performant.

1997 gründet Philip mit einigen seiner Studenten ArsDigita. Sie nehmen den in drei Jahren entstandenen Source Code und hacken über den Sommer das ArsDigita Community System zusammen. ArsDigita stellt das ACS unter die GPL, jeder Interessierte kann sich das System von http://arsdigita.com herunterladen.

OpenACS komplett mit freier Software

Weil das klassische ACS zwar selbst frei ist, als Datenbank aber Oracle erfordert, riefen einige ehemalige Mitarbeiter von ArsDigita das OpenACS-Projekt [3] ins Leben und portieren Kern und Module auf PostgreSQL, die damals einzige freie Datenbank. Inzwischen wird in einem Ein-Mann-Projekt auch an einer Portierung zu Interbase [4] gearbeitet. In diesem Projekt ist auch ein Interbase-Treiber für den AOL-Webserver in Version 1.1 erschienen.

OpenACS gibt es als fertiges RPM-Paket für Red Hat [5], Pakete für andere Distributionen sind in Arbeit. Die Installation dauert etwa zehn Minuten. Um das ACS auch unter Apache zum Laufen zu bringen, wurde ein Modul entwickelt, dass die AOLServer-API unter Apache emuliert. OpenACS-RPM kann deshalb Apache als Webserver verwenden.

OpenACS basiert noch auf Version 3.2. Sobald die Datenbankschicht unter Postgres implementiert ist, werden die Portierungszyklen vermutlich erheblich kürzer. Solange es jedoch keine große Entwickler-Community gibt, wird das OpenACS wohl weiterhin dem ClassicACS erheblich hinterherhinkt: Bei ArsDigita arbeiten etwa 180 Entwickler.

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